von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Mai 2006, aktualisiert im November 2011

Eine warme Stube, ein bequemer Sessel, helles Licht und ein gutes Buch – da kann mir auch ein dunkler Tag mit hässlichem Schmuddelwetter die Stimmung nicht vermiesen. Die Nachbarin hingegen meint, sie liest lieber in der wärmenden Sonne oder bei Hitze im Schatten der Markise. Wie dem auch sei, Hauptsache man liest! Das Lesen lässt uns teilhaben an Ereignissen und Lebensbildern in der ganzen Welt oder aus längst vergangener Zeit. Es ist wie ein Fenster nach draußen in Raum und Zeit. Der Bummel durch eine Buchhandlung kann heute sehr verführerisch sein. Aber auch die Stadtbibliothek Chemnitz, kürzlich im Ranking deutscher Bibliotheken auf dem zweiten Platz gelandet, hat dem Nutzer für relativ wenig Geld viel zu bieten.

Wir lesen so selbstverständlich, dass uns das Lesen als wunderbarer Vorgang gar nicht mehr bewusst ist. Unsere Erstklässler brauchen etwa ein Vierteljahr, um die 26 Buchstaben des deutschen Alphabets lesen und schreiben zu lernen. Dann ist die Form jedes Buchstabens in ihren Köpfen abgespeichert. Überlappend werden mit bereits erlernten Großbuchstaben einfache Wörter erschlossen. Später folgen Texte in Groß- und Kleinbuchstaben. Dabei werden die Buchstaben eines Wortes in ihrer Reihenfolge miteinander verbunden ausgesprochen. Jeder erblickte Buchstabe wird mit dem im Gehirn abgespeicherten Bild verglichen und erkannt. Mit fortschreitender Übung erhöht sich nicht nur die Lesegeschwindigkeit, es reift auch ein enormer Qualitätssprung heran: Wir lesen nicht mehr in Buchstaben, sondern in ganzen Wörtern, wie der folgende Test zeigt:

"Afugrnud enier Sduite an enier Elingshcen Unvirestiät ist es eagl, in wlehcer Rienhnelfoge  die Bcuhtsbaen in  eniem Wrot sethen, das enizg wcihitge dbaei ist, dsas der estre und  lzete  Bcuhtsabae am rcihgiten Paltz snid. Der Rset knan ttolaer Bölsdinn sein, und du knasnt es   torztedm onhe Porbelme lseen. Das ghet dseahlb, weil wir nchit Bcuhtsbae für Bcuhtsabae    enizlen lseen, snodren Wröetr als Gnaezs."

Wir lesen also tatsächlich mehr wie Chinesen oder Japaner ganze Schriftzeichen für ein Wort! Dazu hat das Gehirn die Bilder einer Vielzahl von Wörtern abgespeichert, kann sie blitzschnell erkennen, und beim lauten Vorlesen können wir sogar die dem Sinn des Satzes entsprechende Betonung, Stimmlage und Satzmelodie intonieren. Wir denken längst nicht mehr darüber nach, lesen einfach daraufzu, aber tatsächlich ist das Lesen eine höchst erstaunliche Leistung unseres Gehirns. Computer können heute auch eine Vielzahl von Zeichen mit enormer Geschwindigkeit erkennen. Bankbelege werden nur noch automatisch gelesen. Täglich werden ab 19 Uhr in nur einem Postverteilzentrum in Chemnitz in ein bis zwei Stunden über 95% des gesamten Briefaufkommens eines Tages nach Zielorten sortiert, indem die Anschriften auf Briefen und Karten automatisch gelesen werden. Der Mensch kann das nicht mit dieser Geschwindigkeit, verfügt aber über wesentlich größere Intelligenz und Kreativität zur Lösung von komplexeren Problemen, bei denen Computer (noch?) an ihre Grenzen stoßen.

Nach dem Krieg hatten wir in Kleinolbersdorf einen Neulehrer Kurt B., der bestrebt war, in der deutschen Sprache die Groß- und Kleinschreibung abzuschaffen. Er diktierte zum Elterabend den Eltern einen Text mit herausgepickten Schwierigkeiten der Groß- und Kleinschreibung und ließ ihn anschließend korrigieren. Natürlich hatten viele Eltern eine stattliche Anzahl von Fehlern aufzuweisen. So erschien es überzeugend, wenn man den Schülern künftig diese Schwierigkeiten ersparen würde. Schließlich werden in anderen Sprachen auch nur der Satzanfang und Namen groß geschrieben. Im Urlaub in der Schweiz sind mir Bücher in die Hände gekommen, die in einem solchen Deutsch geschrieben waren. Es war viel schwieriger, die Sätze zu lesen und den Sinn zu erfassen. Offensichtlich erfassen wir nicht nur Wörter mit einem Blick, sondern ganze Satzteile, um ihren Sinn zu verstehen. Dabei ist die Groß- und Kleinschreibung äußerst hilfreich, denn oft ist der Satzgegenstand ein großgeschriebenes Hauptwort und die Satzaussage ein kleingeschriebenes Tätigkeits- oder ein Eigenschaftswort. So ist es beim Übersetzen aus einer Fremdsprache viel schwieriger, zunächst die Grundstruktur des Satzes zu erkennen, bevor man sich den Erweiterungen zuwendet. Mir erscheint heute das damalige Bestreben dieses Lehrers als Irrweg. Gerade die Groß- und Kleinschreibung ist eine besondere Schönheit der deutschen Sprache, worin sie sich von anderen Sprachen unterscheidet. Man sollte bei allem Reformeifer hier „die Kirche im Dorf lassen“, aber die diffizilen Fälle durch klare und leicht zu merkende Regeln vereinfachen.

Lesen ist nicht die einzige Art des Lernens, aber eine sehr wichtige. Studenten verbringen die meiste Zeit ihres Lernens mit Lesen. Wenn es effektiv sein soll, erfordert es Konzentration und Engagement. Wer mit Neugier und Begeisterung liest, kann das Gelesene besser im Gedächtnis behalten. Wer dagegen einen ungeliebten Stoff widerwillig liest und vielleicht zur Entspannung nebenher noch Musik hört, wird sich am folgenden Tag an vieles nicht mehr erinnern können. Die Hirnforscher unterscheiden zwischen Ultrakurzzeit-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. Im ersten haben die von den Sinnesorganen an das Gehirn geleiteten Reize nur ein elektrisches Muster erzeugt. Daraus wird im zweiten eine Art „Bauplan“ zur Verknüpfung von Nervenzellen gebildet. Erst im Langzeitgedächtnis ist die Verknüpfung realisiert, die Information als Proteinstruktur im Gehirn gespeichert. Um dies zu erreichen, braucht es Anstrengung, Wiederholung und eine gewisse Zeit. Deshalb nennt man solches Lernen bildhaft auch „Eintrichtern“.

Warum beklagt die PISA-Studie eine mangelhafte Lesekompetenz bei deutschen Schülerinnen und Schülern? Offensichtlich lesen sie zu wenig. Beim Fernsehen unendlicher Serien oder beim Moorhuhnabschießen am PC bildet sich keine Lesekompetenz. Mit Hörbüchern hat man sicher ein gutes Vorbild, um lautes Vorlesen zu erlernen, denn sie werden von ausgezeichneten Schauspielern gelesen. Wer sich damit aber nur die Mühe des eigenen Lesens ersparen will, kann Lesekompetenz dabei nicht erlangen, denn es fehlt der optische Sinnesreiz für das Gehirn. Was wurde früher, als es das alles noch nicht gab, abends im Bett gelesen? Die Gedanken bei uns Jungen flogen mit Amundsen und Scott zum Südpol, durchpflügten mit der Tscheljabin das nördliche Eismeer, waren Marconi auf den Fersen, als er 1901 das erste Funksignal von Lands End nach Neufundland sandte. Aber auch heute ist nicht alles verloren, zum Glück gibt es Harry Potter! Wer aber nicht gut lesen kann, hat in der Folge auch meist seine Probleme beim Schreiben. So endet manche Chance für einen Ausbildungsplatz bereits, wenn der Chef die Bewerbung überflogen hat und angesichts vieler Fehler auf ein Vorstellungsgespräch verzichtet. Die Klagen von Wirtschaftsverbänden und Ausbildern sind erheblich.

Lesen k

               Lesezeichen  (Bild: unicef, anlässlich 60 Jahre unicef, Gemeinsam für Kinder,
                                      mit freundlicher Genehmigung von unicef Deutschland / Köln)


Für das Lesen eine Lanze zu brechen, war hier das Anliegen. Mit dem Vorlesen einer Geschichte vor dem abendlichen Einschlafen der Kinder können Eltern Neugier und Freude am späteren Lesenlernen wecken. Unser Sohn war damals ganz aufgeregt und stolz, als er die Namen seiner Titelhelden „Lolek und Bolek“ der   beliebten   Kindersendung zum ersten Mal   selbst auf dem Bildschirm lesen konnte. Beim Lesen hat jeder andere Interessen und Gewohnheiten. Petra Gerster, die uns in „heute“ des ZDF die abendlichen Nachrichten präsentiert, schreibt in ihrem Buch „Reifeprüfung“: „Wir sind, was wir erlebt und uns erlesen haben. Und das Verrückte daran ist: Manchmal können wir kaum noch unterscheiden, auf welchem Wege wir unser Wissen über die Liebe und die Sehnsucht nach dem Glück, über Ehebruch, Betrug und Verrat, Mord und Totschlag erworben haben. Wie viel man sich da allein erspart durch Lesen! Was man nicht alles im Kopf erleben kann, ohne gleich in die Abgründe zu stürzen, die sich überall auftun.“ Lesen ist aktive, selbstbestimmte Tätigkeit, Befreiung vom Fernsehen als Droge. "Lesen gefährdet die Dummheit", lautet ein Werbeslogan zurecht.
„Belesen zu sein“ zeichnet aus. Lesen ist auch in der schier uferlosen Medienwelt von heute nicht obsolet.