von Karlheinz Reimann,

geschrieben im November 2016


Schon als junger Mensch, noch keine zwanzig, war ich an politischen Fragen unseres Lebens interessiert und auf der Suche nach meiner Orientierung in der Welt. Im Osten aufgewachsen, war ich durch Schule, Studium, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen geprägt von der zweigeteilten Welt des Kalten Krieges. Vieles hatte ich gelernt über Arbeitslosigkeit, Armut und den absterbenden Kapitalismus dort im Westen und über soziale Sicherheit und Reichtum jedes Einzelnen im Kommunismus dort im Osten, „wo das Herz so frei dem Menschen schlägt“ (aus der Nationalhymne der UdSSR) und jeder einer lichten Zukunft entgegen geht. Und auch ich war in unserem Land  auf dem Weg dorthin. Aber es gab auch Zweifel an diesen Vorstellungen, denn das Westfernsehen, unsere Westverwandten auf Besuch bei uns, ihre Reisen in die Welt und die Westpakete für uns zu Weihnachten hinterließen den Eindruck von größerem Wohlstand und erstaunlicher Vitalität dort im Westen. In meiner jugendlichen Naivität wollte ich die Wahrheit herausfinden, auf Reisen die Welt mit eigenen Augen sehen, mit den Menschen sprechen und erleben, wie es ihnen geht. Wer eine Weltanschauung sucht, sollte sich die Welt anschauen! Mit einer Reise in die Sowjetunion und einer Reise nach Amerika wollte ich Klarheit gewinnen für eine solche Entscheidung. Wie ich das finanzieren könnte, wusste ich damals natürlich nicht.

Dann kam der 13. August 1961. Am frühen Morgen dieses Sonntags begann die SED-Führung in einer martialischen Aktion zur völligen Verblüffung des Westens den Bau der Mauer in Berlin und beendete damit die Reisefreiheit der Menschen in der DDR. Zuletzt waren täglich bis zu 1000 Menschen aus der DDR geflohen. Bereits in den Jahren vorher hatten 1,7 Millionen Menschen „mit den Füßen abgestimmt“, also mehr als 10 Prozent ihrer Bevölkerung hatte die DDR verloren. Weil die Führung fortan auf flüchtige Bürger des eigenen Landes auch schießen ließ, versuchten manche auf abenteuerlichen Wegen das Land zu verlassen, aber es waren nur noch wenige im Vergleich zu vorher. Ungefähr 1000 Menschen sind an der innerdeutschen Grenze zu Tode gekommen, die Zahl ist ungenau, weil die SED-Führung jeden Einzelfall zu vertuschen suchte. Zunächst sah das aus wie ein Sieg der SED-Führung, den sie machtbewusst auch mit Spottliedern über den hilflos zuschauenden Westen feierte. Doch in den Ländern des Westens verlor die DDR nun gänzlich ihre Reputation als freies und demokratisches Land und bei einem großen Teil der eigenen Bevölkerung die Zustimmung zur Politik der SED. Die Freiheit zu reisen und wieder nach Hause zu kommen, Verwandte und Freunde zu besuchen, ein wenig von der Welt zu sehen, empfinden die Menschen als ein hohes Gut in ihrem Leben. Umso mehr, wenn die Grenze mitten durch ein Volk und durch viele Familien verläuft. Ihnen diese Freiheit zu nehmen, empfanden viele als eine Art von moderner Leibeigenschaft. Diese galt nicht für Rentner oder Invaliden, sie konnten jederzeit ungehindert in den Westen reisen. Ein beschämendes Kalkül der SED-Führung, zwischen Menschen und Arbeitskräften zu unterscheiden.


Aber der vermeintliche Sieg war mehr eine Bankrotterklärung. Man hatte sich nur Zeit verschafft, aber das Problem nicht grundsätzlich gelöst. Die SED-Führung war damals bereits gescheitert, zu groß war das Gefälle von persönlicher Freiheit und persönlichem Wohlstand zwischen Ost und West. Um die Flucht- und Ausreisewelle zu vermeiden, hätte die DDR als sozialistische Alternative ihre Überlegenheit beweisen und ihre Bürger gleichermaßen oder mehr  zufriedenstellen  müssen  als die BRD ihre Bürger,  aber das hat  die DDR nicht geschafft. Am  9. November 1989 schaffte das Volk nach 28 Jahren in Berlin die Mauer wieder ab. 28 Jahre sind eine sehr lange Zeit gemessen an der Lebenserwartung eines Menschen. Doch vorher war die Zeit nicht reif für eine friedliche Revolution.

Freie Presse, am 2. Oktober 1989 noch Organ der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt: Mitteilung über Ausbürgerung und Abschiebung der Flüchtlinge aus der Botschaft der BRD in Prag - eine besondere Art von Reisefreiheit der DDR

Erst auf der 12. Tagung des SED-Zentralkomitees am 3. Dezember 1989 gestand Egon Krenz: „Liebe Genossinnen und Genossen, ganz gleich, was wir auch machen, wir machen es falsch … die Existenz der Partei steht auf dem Spiel …die Deutsche Demokratische Republik ist in Gefahr und unser internationales Ansehen ist beschädigt wie nie zuvor.“ (1) Nach dieser letzten Tagung lösten sich Politbüro und Zentralkomitee der SED auf. Die DDR war wirtschaftlich, politisch und ideologisch am Ende und auch durch die Sowjetunion nicht mehr zu halten. Am 31. Januar 1990 stimmte Michail Gorbatschow gegenüber Hans Modrow und am 10. Februar 1990 gegenüber Helmut Kohl einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten prinzipiell zu.

An der Berliner Mauer 1990 bei Staaken    (Bild: Mein Funkfreund Siegfried Jakob, gest. 2016)    


Meine Reiseträume aus der Jugend - und viele weitere - konnte ich nun noch ganz realisieren, wenn auch erst sehr viel später in meinem Leben. Als Dienstreise hatte ich schon 1966 ein Vierteljahr in Moskau gelebt, wo die DDR zur Verwunderung des Westens und mit großem Interesse der Sowjetunion die Datenverarbeitungsanlage R300 erstmals im Ausland präsentiert hat. Über zwei Wochen  gelang meiner Frau und mir 1979/1980 ein rein privater und sehr aufschlussreicher Urlaubsaustausch mit einer Familie aus der Umgebung von Moskau. Ab 1972 konnte ich über zehn Jahre an der gemeinsam mit sowjetischen Spezialisten durchgeführten Entwicklung des Nachrichtensteuerrechners NEWA1M im Auftrag des Postministeriums der UdSSR und der Akademie der Wissenschaften der UdSSR mitarbeiten und auf Reisen nach Moskau, Leningrad und Kiew interessante Menschen, das weite Land und russische Kultur kennenlernen. Viele unvergessliche Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit haben mein Leben bereichert. Aber erst nach der Wende im Ruhestand erfüllten sich die Wünsche, Amerika zu bereisen und Russland nach dem Einzug des Oligarchen-Kapitalismus - wie es Sahra Wagenknecht nennt - wiederzusehen. Von diesen beiden Reisen soll hier auch berichtet werden.

Anmerkungen:
(1) Hertle, Hans-Hermann: „Der Sound des Untergangs“. Tonmitschnitte aus den
     letzten Sitzungen des SED-Zentralkomitees Oktober bis Dezember 1989