Von Karlheinz Reimann, geschrieben im November 2025
Am 20. September 2025 war Gunter Demnig, der Initiator des Projektes „Stolpersteine“ in Chemnitz, um zu den 330 in der Stadt bereits vorhandenen weitere 30 Stolpersteine zu verlegen. Mit den im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet oder in den Suizid getrieben wurden. Auch in den „Chemnitzer Geschichten“ (www.chemnitzer-geschichten.de) kann unter „Stolpersteine in Chemnitz“ ausführlicher darüber nachgelesen werden.
Jeder Stolperstein verkörpert eine ganz eigene persönliche Tragödie. Das Schicksal des kleinen Mädchens, der fünfjährigen Margot aus Chemnitz, steht auch für viele andere und macht noch heute betroffen. Sie musste mit ihren Eltern sterben, weil sie jüdische Eltern hatte. Evyatar (geboren als Siegfried) Friesel, bis zu seinem achten Lebensjahr aufgewachsen in Chemnitz, wo seine Eltern in der Langestraße29/Ecke Bretgasse ein kleines Geschäft für Herrenbekleidung hatten, ist mit ihnen 1939 aus Deutschland nach Brasilien entkommen und später in Israel Professor für jüdische Geschichte geworden. Er hat uns diese bewegende Schilderung (1) hinterlassen:
„Eines Nachts – ich war acht Jahre alt – erwachte ich und mir erschien das Haus in einem merkwürdigen Zustand. Mein Bett war in eine Ecke gerückt und mein Zimmer sowie das Schlafzimmer meiner Eltern waren voll mit mir unbekannten Leuten, die in Betten, auf dem Fußboden und anderswo ihr Nachtlager gefunden hatten. Das war im Herbst 1938 (am 28. Oktober, K.R.). Am folgenden Tag hörte ich, dass alle polnischen Juden im Laufe der Nacht von der Gestapo abgeholt, in Züge verfrachtet und nach Polen abgeschoben worden waren. Einige hatten rechtzeitig die Gefahr erkannt und ihre Wohnungen verlassen, bevor die Polizei dorthin kam. Etliche hatten bei meinen Eltern Zuflucht gesucht: Die brasilianischen Papiere meines Vaters hatten ihn vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt. Die strikte Befehlserfüllung der Nazi-Organe erlaubte diesen Leuten am folgenden Tag die Rückkehr in ihre Wohnungen. Wer nicht in jener Nacht gefasst worden war, durfte seine nächsten Schritte selbst in die Wege leiten – jetzt ging es nur noch darum, so schnell wie möglich aus Deutschland hinauszukommen.
Mein Vater hatte die Nacht außer Haus verbracht. Unter den von der Gestapo Festgenommenen waren mein Onkel Kalman Kugelmas, seine Frau Chana, die Schwester meiner Mutter, und ihre Tochter Margot, damals fünf Jahre alt, so alt wie meine Zwillingsschwestern. Onkel Kalman hatte meinen Vater angerufen, als die Polizei kam und er ging sie am Bahnhof treffen. Dort ging alles drunter und drüber, Hunderte von verängstigten Juden wussten nicht wohin, hatten keine Ahnung, was ihnen bevorstand.
Während mein Vater, meine Tante und mein Onkel überlegten, was zu tun sei, kam ihnen ein Gedanke: Konnte die kleine Margot nicht bei meinen Eltern bleiben? In dem Durcheinander am Bahnhof würde es keinem auffallen, wenn mein Vater die Kleine an sich nahm. Sie stand meinen Schwestern nahe und würde sich problemlos in unsere Familie einfügen. Margot war ihr einziges Kind. Die Zeit war kurz, die Leute wurden in die Züge kommandiert. Das waren herzzerreißende Minuten. Dann kamen sie an die Reihe. Sie nahmen Margot mit. Zeit ihres Lebens machten meine Eltern sich Vorwürfe, dass sie nicht anders entschieden hatten. Noch in hohem Alter, sechzig Jahre danach, empfanden sie den Schmerz so lebhaft, als wäre es tags zuvor geschehen.
Wir verließen Deutschland ein paar Monate später, Anfang 1939. Im März langten wir in Brasilien an. Einer der ersten Schritte, den meine Eltern unternahmen, war der Versuch, Kugelmasens aus Polen herauszuholen. Die bürokratischen Mühlen mahlten langsam und umständlich. Der deutsche Einfall in Polen im September 1939 machte die Sache noch schwieriger. Trotzdem war es meinem Vater im Laufe des Winters 1939/40 gelungen, Visa bei der brasilianischen Botschaft in Warschau hinterlegen zu lassen. Die Kugelmasens wohnten bei der Familie meiner Mutter mit Großmüttern, Onkeln und Tanten. Sie bestiegen den Zug nach Warschau, eine Tagereise von der polnischen Hauptstadt entfernt. Es war bitter kalt, der Zug war ungeheizt, es bestand die Gefahr, unterwegs zu erfrieren. Sie beschlossen umzukehren. Danach war es zu spät. Sie sind alle im Holocaust umgekommen, die gesamte Familie auf beiden Seiten.
Der Holocaust hat für mich immer eine weite und allgemeine Bedeutung gehabt als eine Tragödie des ganzen jüdischen Volkes. Im Zuge meiner historischen Forschungen habe ich nach seinen Ursachen gesucht und mich um ein Verständnis seiner Folgen bemüht. Im Laufe der Jahre bin ich immer empfindsamer geworden für den Kummer, den sich meine Eltern um die schicksalhafte Entscheidung über die kleine Margot in jener Nacht des Oktober 1938 auf dem Bahnhof in Chemnitz machten. Margots Schicksal mit der entsetzlichen Zufälligkeit von Leben und Tod ist mehr als alles andere zu meinem persönlichen Symbol des Holocaust geworden.“
Bild 1: Kugelmas Family
Einen Monat später, zur „Kristallnacht“ (eine verharmlosende Bezeichnung) am 9. November 1938, brannte auch in Chemnitz die Synagoge. Die Scheiben aller jüdischen Geschäfte sowie der Kaufhäuser Schocken und Tietz waren eingeschlagen und viele jüdische Männer wurden in Konzentrationslager gebracht. Das alles gehörte in der Zeit unserer Großeltern zum „normalen Alltag“. Peter Hessel aus Chemnitz, in Siegmar mit nationalsozialistischer Erziehung aufgewachsen, später Übersetzer, Autor und Berater der Regierung in Kanada, hat mir sein Buch „Hitlers Junge“ (2) geschenkt und schreibt darin aus einem Rundbrief seiner Großmutter an die Verwandtschaft: "Habt Ihr denn in Spandau und Berlin auch etwas von Antijudendemonstrationen gemerkt? Bei uns ist es ganz toll gewesen. Die Synagoge ist abgebrannt und bei sämtlichen jüdischen Geschäften sind alle Fensterscheiben eingeschlagen worden. Keines ist verschont geblieben. Tietz und Schocken waren am nächsten Tag lange Bretterfronten. Ich war am Abend mal mit Gottfried in der Stadt. Da war ein Betrieb, wie ich ihn noch nicht gesehen habe. Nach dem Stephansplatz zu eine richtige Wallfahrt, auf allen Gesichtern Genugtuung und Freude. Jetzt wird wohl auch die Muschpoke (3) merken, daß im neuen Deutschland auch ein neuer Wind weht".
Bild 2: Hanoch Katsir und Historiker Dr.Jürgen Nitsche
Bild 3: Stolpersteine Kugelmas
Man fragt sich heute, wie das damals mit so viel Zustimmung oder sogar Begeisterung der Bevölkerung geschehen konnte? 1938 stand die Mehrheit der deutschen Bevölkerung auf Hitlers Seite. Der Historiker Sebastian Haffner zitiert in seinen „Anmerkungen zu Hitler“ (4) Joachim Fest: „Wenn Hitler 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, wäre er als einer der größten Politiker in die Geschichte eingegangen, denn er hatte bis dahin nur Erfolge“. (Nicht auszudenken, was der Welt nach einem Attentat mit Erfolg ohne Hitlers Kriege erspart geblieben wäre!) Tatsächlich gab es in den ersten Jahren des Nazi-Regimes auch einen wirtschaftlichen Aufschwung und soziale Verbesserungen für die „volksdeutsche“ Bevölkerung, weshalb politischer Terror, willkürliche Verhaftungen, Konzentrationslager und Judenverfolgung übersehen oder verdrängt wurden. Bis 1936 wurden sechs Millionen Arbeitslose in Lohn und Brot gebracht. Es gab eine Mietpreisbremse, Mietschuldner wurden vor Wohnungsverlust geschützt, Löhne und Preise waren zwangsweise festgeschrieben. Arbeiterfamilien konnten erstmals mit „Kraft durch Freude“ einen bezahlbaren Urlaub verbringen. Ein neues Nationalbewusstsein erwachte, die Demütigung Deutschlands nach dem Diktat von Versailles, Verbote der Aufrüstung und die Zahlung von Reparationen wurden Schritt um Schritt außer Kraft gesetzt. Dazu eine bisher nicht gekannte Wucht der Propaganda durch politisch gleichgeschaltete Zeitungen und Rundfunk, der „Volksempfänger“ stand schon bald in jeder Wohnung. Monumentale Aufmärsche und Hitlers herausragende (für uns heute merkwürdige) Rhetorik und Gestik bei Massenveranstaltungen haben damals viele begeistert, überrumpelt, eingeschüchtert und getäuscht. Und Hitler hatte bis 1939 immer vom Frieden gesprochen, aber seinen Krieg im Osten hatte er bereits 1926 in „Mein Kampf“ (Teil 2) konzipiert: „Deutschland braucht keine Kolonien in Afrika. Deutschland braucht Grund und Boden, der an das deutsche Mutterland angegliedert werden kann, und das kann nur auf Kosten Russlands gehen“, steht dort geschrieben. Jeder hätte es lesen können. Aber selbst Stalin wollte das nicht wahrhaben und hat höchste Militärs, die Stalin vor Hitler gewarnt haben, darunter auch Marschall Tuchatschewski 1937 samt Ehefrau erschießen lassen. Das Ignorieren der Warnungen, die ungenügende Vorbereitung der Verteidigung und die vorangegangenen "Säuberungen" unter den Offizieren ("Enthauptung") der Roten Armee durch Stalin hat die Sowjetunion allein in den ersten sechs Monaten des Krieges nach heutigen Schätzungen 4 bis 5 Millionen (auf deutscher Seite 650.000) Gefallene, Verwundete, Vermisste und Gefangene gekostet. Stalin war Hitler zunächst sehr wohlgesonnen, hatten beide Systeme in Struktur und Funktion doch viele Gemeinsamkeiten. Stalin hat der deutschen Wehrmacht erlaubt, neue Panzer und Flugzeuge auf dem Gelände der Sowjetunion zu erproben, um die vom Westen Deutschland auferlegten Rüstungsbeschränkungen zu umgehen. 1939 hat Stalin sich mit Hitler Polen aufgeteilt und 1940 durch Molotow Hitler zum Sieg über Frankreich gratulieren lassen. Stalins Antifaschismus begann erst nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Geschichte der Sowjetunion, die uns in der DDR peinlichst verschwiegen wurde (5). Hitlers Vernichtungskrieg hat die Sowjetunion immense Zerstörungen und 27 Millionen Menschen gekostet.
Hitler ist 1933 nicht durch einen Putsch an die Macht gekommen, sondern legal durch die Demokratie der Weimarer Republik und die Berufung zum Reichskanzler durch Reichspräsident Hindenburg. Nach der „Machtergreifung“ hat Hitler sofort begonnen, den Mehr-Parteienstaat und die Demokratie abzuschaffen und in seine Diktatur zu verwandeln. Wohin ein Land sich bewegt, wird in der Demokratie nicht allein von der Regierung, „von denen da oben“, sondern bei Wahlen auch von „denen da unten“ bestimmt. Und „die da unten“, auch große Teile der Arbeiterschaft von KPD und SPD (wenig später viele von ihnen im KZ), hatten nach der schlimmen Inflation 1919 bis 1923, Weltwirtschaftskrise 1929, großer Arbeitslosigkeit und dem politischem Chaos in der Weimarer Republik im Januar 1933 in der Hoffnung auf Ordnung und wirtschaftlichen Aufschwung mehrheitlich die Nationalsozialisten gewählt.
Unsere Vorfahren in Deutschland damals, die dieser Verführung anheimgefallen sind, waren nicht grundsätzlich von anderer Art als wir in Deutschland heute. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen ihnen damals und uns heute: Wir haben die Erfahrung aus unserer unheilvollen Geschichte bis zum bitteren Ende 1945 und danach, die unsere Vorfahren 1933 nicht hatten. Auch unser Leben wurde durch die schlimme Nachkriegszeit mit Hunger und Kälte, jahrzehntelange Besatzung, Reparationen, den Verlust der Heimat für 14 Millionen Deutsche und die Teilung Deutschlands durch die verhängnisvolle Wahl 1933 und Hitler geprägt. Bei alldem hatten wir noch Glück im Unglück: Durch die Kapitulation Hitler-Deutschlands bereits am 8. Mai 1945, nur wenige Wochen vor der Fertigstellung einer einsatzfähigen Atombombe, die in den USA für den Krieg gegen Hitler-Deutschland entwickelt worden ist, war der Einsatz in Deutschland nicht mehr vorgesehen. Wir Kinder und Nachfahren des Krieges können und müssen aus unserer unheilvollen Geschichte lernen, unsere Erfahrungen an jüngere Generationen weitergeben, damit bei demokratischen Wahlen jeder seiner persönlichen Verantwortung für Frieden und Freiheit gerecht werden kann, dass sich eine ähnliche Verirrung und Abkehr von der seit 80 Jahren im Westen Deutschlands und seit 1990 auch im Osten bewährten Demokratie niemals wieder ereignen wird.
