Von Karlheinz Reimann, geschrieben im Mai 2025
Mit Interesse habe ich den Beitrag von Klaus-Dieter Nözel im vorigen Gemeindebote über den Bau eines Eigenheimes in der DDR gelesen. War er doch Anstoß für einen Rückblick auf unser Leben in der DDR, das sich heute kaum noch jemand vorstellen kann.
Wer damals in eigener Initiative ein Eigenheim errichten wollte und damit den Wohnungsbau des Staates entlastete, der hatte sich ein sehr strapaziöses Vorhaben, meist über mehrere Jahre vorgenommen. In den Betrieben der DDR wurde tagtäglich jede Hand, jeder Kopf und alle Kraft gebraucht, um den Plan zu erfüllen. Beim Hausbau am Feierabend, Wochenende und im Urlaub aber war jeder überwiegend auf sich allein gestellt, wie er zum erforderlichen Material und notwendigen Dienstleistungen kommen konnte. Handwerksleistungen waren sehr schwer und oft gar nicht zu erlangen, weil die Produktionsgenossenschaften des Handwerks mit Aufträgen vom Staat voll ausgelastet waren. Selbst für die Anschlussleitungen und den Bau der Erschließungsstraße mussten sich manchmal, wie hier beschrieben, die Häuslebauer noch selbst aufopfern. „Mit Zement gab es Schwierigkeiten“ hieß im Klartext, für private Zwecke gab es oft keinen. Er wurde neben dem Großplattenbau auch ab 1961 tonnenweise "an der Mauer", an der 1600 Kilometer langen Staatsgrenze West verbraucht. Die DDR war nicht nur die zehntgrößte Industriemacht, wie die staatliche Propaganda etwas übertrieb, sie war seit dem 13. August 1961 auch ohne jeden Zweifel das größte Arbeitslager der Welt mit anfangs 17 Millionen eingesperrter Bevölkerung, die im Laufe der Jahre immer weniger wurde.
Schwer hatte es nicht nur, wer ein neues Haus bauen, sondern auch wer ein bestehendes Haus erhalten wollte. Im Herbst 1966 haben wir den hölzernen Anbau unseres Hauses in Ziegelbauweise erneuert. Eisenträger für die Decke gab es nicht, sie wurden durch abgefahrene Eisenbahnschienen ersetzt. Der Zuschnitt erfolgte von Hand mit der Eisensäge, ein Schnitt erforderte zwei Stunden und zwei Sägeblätter. Betonplatten für die Decke waren auch nicht beschaffbar. So haben wir Stahlmatten geflochten, eingeschalt und mit von Hand in der Kalklösche zubereitetem Beton ausgegossen. Im Frühjahr 1967 sollte dann der Außenputz auf den Anbau aufgebracht und die Giebelseite des Hauses neu verputzt werden. Mit dem Abhacken des Außenputzes erschloss sich uns eine Katastrophe: Die gesamte Wand war einsturzgefährdet. Beim Bombenangriff am Vormittag des 6. Februar 1945 war auf dem Feld unmittelbar neben unserem Grundstück eine Sprengbombe gefallen. Das Haus in 50 Meter Entfernung mit Fachwerk unter Putz hatte auf die Druckwelle elastisch reagiert. Aber feine Risse im Putz und eindringendes Wasser an der Wetterseite hatten über Jahre unbemerkt das tragende Fachwerk völlig zerstört. Ein Viertel der Außenwände des Hauses musste nun bis auf die Grundmauer abgerissen und neu errichtet werden.
Um dafür die Baufreiheit zu schaffen, mussten zunächst die angrenzenden Räume freigezogen werden. Wie nach dem Krieg vielerorts notwendig, war die untere Hälfte unseres Einfamilienhauses zwangsweise vermietet. Die Mieter hatten die Küche bekommen, der Hauseigentümer das Bad, die Toilette musste gemeinsam benutzt werden. Uns standen damals mit einem Kleinkind 34 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, darunter eine Wohnküche von 9 Quadratmetern. Als Hauseigentümer hatten wir bei einer staatlich festgesetzten Miete von 28,50 Mark und 3 Mark Wassergeld alle Instandhaltungen zu leisten. Während des Bauens mussten die Mieter, ein älteres Ehepaar, mit denen wir über viele Jahre in gutem Einvernehmen gelebt haben, in einer anderen Wohnung untergebracht werden. Bürgermeister Sparmann hatte dafür sofort eine Lösung: Das Ehepaar zieht für die Dauer der Bauzeit auf unsere Kosten in den "Goldenen Hahn". Seine Rechtsauffassung war damals verwunderlich und ist heute noch bemerkenswert. Dabei wussten wir damals nicht, wie wir die Bauarbeiten bezahlen sollten, geschweige denn noch eine sehr lange Hotelunterkunft der Mieter. Genosse Sparmann, ein Mechaniker aus dem VEB Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt, war nach einer kurzen Auszeit im Westen, im Sprachgebrauch der DDR „Republikflucht“, reumütig zurückgekehrt und zur Belohnung als Bürgermeister bei uns eingesetzt worden. Zement konnte er für unser Bauvorhaben auch nicht organisieren. So haben wir überwiegend mit „Kehrzement“ gebaut, der am Südbahnhof beim Abfüllen auf LKW auf die Straße fiel, zusammengekehrt wurde und an die Bevölkerung abgegeben werden durfte. Aber bei uns waren das 20 Tüten, frisch abgefüllt vom Silo zum Ladenpreis. „Da kommst du morgen kurz vor dem Dunkelwerden mit einem Fahrzeug hierher“. Typisch DDR, Not und Mangel waren groß, Solidarität untereinander aber auch. Für das Gerüst konnten wir Fichtenstangen aus Bauer Forkmanns Wald ausleihen, bevor sie in Koppelpfähle zersägt wurden. Transportieren sollte ich sie aber selbst. Noch nie vorher hatte ich ein Gespann geführt und war überrascht über das mir geschenkte Vertrauen. Mit Pferd und Ochs ging es gemächlich voran und ich konnte das Fuhrwerk unbeschadet zurückbringen. Bis eine annehmbare Wohnung für unsere Mieter als Zwischenlösung gefunden wurde, war es inzwischen Mitte Oktober 1967 geworden. Nun konnten wir mit den Bauarbeiten endlich beginnen. An drei Samstagen wurde von unten beginnend jeweils am Vormittag eine Etage abgebrochen und bis zum Abend wieder aufgemauert. Zum großen Glück hatten wir in unserer so jungen Familie die fachliche Anleitung und tatkräftige Hilfe meiner Onkels, Helmut und Arthur Zscherp aus dem bis 1948 bestehenden Baugeschäft meiner Großeltern zur Verfügung. Ich weiß nicht, wie wir es ohne sie hätten bewältigen können. Auch für meine Frau war das eine sehr strapaziöse Zeit: Ziegel putzen, Hohlblocksteine heranschleppen, Stahlmatten flechten, für die Mannschaft Essen kochen, das Kleinkind betreuen. Als am dritten Samstagabend der letzte Ziegel in der Giebelspitze vermauert war, waren wir alle am Boden. Am Sonntagmorgen danach lag der erste Schnee des Winters. Der Außenputz konnte dann erst im Frühjahr 1968, im dritten Jahr nach Baubeginn aufgebracht werden. Inzwischen erwarteten wir die Geburt unseres zweiten Kindes. Mit einer Klage auf „dringenden Eigenbedarf“ erhielten wir Recht. Die Wohnung im Einfamilienhaus wurde uns zugesprochen mit der Auflage, unseren Mietern für Umzugskosten und Gardinen in der neuen Wohnung 600 Mark/DDR zu erstatten. Damit hatten die Mieter nun fast zwei Jahre ohne Miete zu zahlen bei uns gewohnt. In meiner Stasi-Akte hat Unterleutnant Walther dazu geschrieben, ich hätte „ein altes Ehepaar aus dem Haus herausgeegelt“, so wie es ihm der Stasi-Informant (GMS) im Gemeindeamt Kleinolbersdorf berichtet hatte.
Improvisiertes Gerüst 1967 (Bild: Karlheinz Reimann)
Trotzdem war nicht alles schlecht in der DDR. Mit vielen Subventionen des Grundbedarfs (Lebensmittel, Energie, Wasser, Kinderbekleidung, öffentlicher Personenverkehr) und einem nahezu unkündbaren Arbeitsplatz, weil bei der niedrigen Automatisierung jede Arbeitskraft dringend gebraucht wurde, hatte man eine beachtliche soziale Sicherheit. Deshalb gab es in der DDR auch so viele Kita-Plätze wie sonst nirgendwo. Die Kinder wurden hier von 6 Uhr bis 18 Uhr mit voller Verpflegung für 1 Mark/DDR pro Tag gut betreut. Besondere Förderung genossen in den späteren Jahren der DDR auch junge Ehepaare. Ihre zinslosen Kredite von 5.000 (später 7.000) Mark/DDR wurden mit monatlich 50 Mark/DDR zurückgezahlt, konnten aber auch "abgekindert" werden. Für jedes erste Kind wurden 1.000 (für das zweite 1.500, das dritte 2.500) Mark/DDR geschenkt. Unser Schulwesen in den Grund- sowie naturwissenschaftlichen Fächern war hervorragend, seit den 1980er Jahren gab es das 10-Klassen-Schulsystem für alle. Viele in der DDR gut ausgebildete Übersiedler haben in der BRD und später im vereinigten Deutschland erfolgreich eine Karriere gefunden, darunter auch unsere beiden Söhne. Die Gleichberechtigung der Frauen war viel früher und viel weiter fortgeschritten als in der BRD. Obdachlose gab es in der DDR gar nicht. Kinder früher benachteiligter Schichten konnten mit Stipendium (ohne Rückzahlung) finanziell sorgenfrei studieren. Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, verdanke auch ich mein Hochschulstudium der DDR. Ich habe der Gesellschaft dafür in fast drei Jahrzehnten bei Robotron ein inhaltsreiches Arbeitsleben zurückgegeben. Sehr billige, nicht kostendeckende Mieten erschienen vielen gut, waren es aber nicht wirklich. Sie haben neben der Rüstung und dem Grenzregime den Staat immer mehr in den wirtschaftlichen Ruin geführt. Umso mehr, je mehr Wohnungen gebaut wurden. Die DDR hatte in den 1980er Jahren den höchsten Lebensstandard im Ostblock, aber mit nur 40% Arbeitsproduktivität der BRD und Reparationen für die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht in Sowjetrussland, die wir im Osten allein geleistet haben, konnten die „sozialpolitischen Maßnahmen“ in der DDR auf Dauer nicht finanziert werden. Ihre Rücknahme war aber auch nicht möglich, sie hätte die DDR unregierbar gemacht. Die SED-Führung hatte viele Kredite im "kapitalistischen Ausland" aufgenommen und hätte 1990 die Zahlungsunfähigkeit der DDR erklären müssen (1). Auch das hat das im Herbst 1989 in der DDR aufbegehrende Volk mit der daraus möglichen Entwicklung zur Wiedervereinigung der bankrotten SED-Führung erspart. Aber trotz mancher Förderung, der chronische Mangel an so vielen Dingen des täglichen Lebens wurde dadurch nicht gebessert. Ein Vergleich mit dem Leben unserer Verwandten im Wirtschaftswunder des Westens und ihrer gelebten Freiheit war für uns im Osten deprimierend. Sie konnten reisen, verbrachten ihren Urlaub in Italien oder auf Mallorca, sie ließen bauen und konnten abzahlen.
1989 verlor die SED-Führung immer mehr die Kontrolle über ihre Bevölkerung und wandte sich immer mehr von Reformen in der Sowjetunion unter Gorbatschow ab. Zehntausende Bürger wollten mit Ausreiseanträgen raus aus der DDR. Andere skandierten „Wir bleiben hier“ und wollten das Leben in der DDR zum Besseren verändern. Als ich im September 1989 bei unserem Pfarrer Lothar Popp mein Anliegen vortrug, in Chemnitz die Proteste von der Stadt nun auch auf das Land herauszutragen, waren wir uns sofort einig. In der Kirche fanden wir für unsere Versammlungen ein schützendes Dach vor dem Zugriff der allgegenwärtigen Stasi und mit Lothar Popp eine intellektuelle Führung für Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit gegen jedermann. Unsere Kirche war zu den Versammlungen voll wie sonst zum Heiligen Abend. Auch Stasi-Mitarbeiter wie IM „Hans Stiehler“, der sich als Wortführer hervortat, waren mitten unter uns. Dann platzte in unsere Kirchenversammlung am Abend des 9. November die Nachricht vom Mauerfall in Berlin. Wir waren schockiert und ratlos, wie es jetzt weitergehen würde. Die Wendezeit war eine aufregende und wunderbare Zeit, aber später haben sich nicht alle unserer Illusionen für eine bessere Zukunft erfüllt. Die Transformation der Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit (in Chemnitz 1992/93 über 22%) hat viele schwer getroffen und verunsichert. Gewonnene Freiheiten waren verbunden mit verlorenen Gewissheiten. Gern hätte ich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch einmal eine Kirchenversammlung in Erinnerung an den Herbst 1989 erlebt, vielleicht mit einer professionellen Moderation zum Thema „Was haben wir gewonnen, was haben wir verloren?“ Mein Vorschlag hat damals von der Kirche keine Zustimmung gefunden.
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit waren nach dem Nationalsozialismus und dem Ende des fürchterlichen Krieges 1945 ein sehr hohes Gut im zerstörten Deutschland. Die Umsetzung nahm zunächst in den drei Westzonen/BRD Gestalt an, während der Osten 45 Jahre lang dem Diktatur-System der Sowjetunion folgen musste. Eine Demokratisierung begann hier erst nach dem Aufbegehren des Volkes der DDR im Herbst 1989. Wir in der Gegenwart stehen immer an der Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Vergangenheit, über die wir vieles wissen, aber nichts mehr ändern können und Zukunft, über die wir wenig wissen, aber gestalten müssen. Dabei ist heute jede Bürgerin und jeder Bürger gefordert, aus der Geschichte zu lernen und an der Wahlurne eine kluge und verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Es kommt auf jede Wählerin und jeden Wähler an, sich für eine gute Zukunft unseres Landes einzubringen.
Anmerkungen:
(1) Gerhard Schürer, Leiter Staatliche Plankommission der DDR im Oktober 1989
