von Karlheinz Reimann,

geschrieben im April 2006, aktualisiert im November 2013

Wer von Kleinolbersdorf auf den Wanderwegen zum Adelsbergturm läuft, kommt zunächst an einer vorgeschobenen Waldzunge vorbei. Von hier steigt das Gelände bis zum Adelsberg mit seiner Höhe von 508 Metern nur noch wenig an. Altbürgermeister Johannes Ebert wollte hier oben ab 1930 einen Hochbehälter für die örtliche Trinkwasserversorgung von Kleinolbersdorf errichten lassen. Erste Erdarbeiten zur Bodenerkundung hatte man bereits vorgenommen. Das Vorhaben wurde Mitte der dreißiger Jahre abgebrochen und auch nach dem Ende des Krieges nicht wieder aufgenommen. Künftig sollte die gesamte Trinkwasserversorgung aus dem zentralen Leitungsnetz von Chemnitz erfolgen.

 

Das geheimnisvolle Bauvorhaben

Im Spätsommer 1988 rückten in diesem Wäldchen Bauarbeiter an. Als erstes wurde die gesamte Waldzunge diskret eingezäunt und ein gekrümmter Zufahrtsweg bis zur Mitte angelegt, wo auf einer Fläche 50m lang und 40m breit alle Bäume gefällt wurden. Am Zaun standen nun Schilder mit der Aufschrift: „Trinkwasserschutzgebiet. Betreten verboten!" Später kam schweres Gerät zum Einsatz. Mit Baggern und Bulldozern wurde eine Baugrube von etwa 35m Länge, 15m Breite und 4m Tiefe ausgehoben und die enormen Erdmassen seitlich aufgetürmt. Vom Ende der heutigen Straße „Zum Adelsberg" in Kleinolbersdorf über das freie Feld bis zur Baustelle schürften Bagger einen Graben, in dem man eine Trinkwasserleitung und ein Stromkabel verlegte. Die gleichen Versorgungsleitungen wurden vom „Breitenlehn" in Adelsberg und ein drittes Mal von der Gaststätte „Jägers Ruh" in Euba herangeführt. Diese ehemalige Gaststätte war damals eine Dienststelle der Staatssicherheit, in der acht Spezialisten mit der Entwicklung und Herstellung „operativer Technik" wie akustischen Lauschanlagen im Regenschirm als Reflektor oder dem Einbau von Miniaturkameras in Damenhandtaschen beschäftigt waren. Im Sommer 1989 war in der Baugrube zur Hälfte eine Bodenplatte aus Beton von einem dreiviertel Meter Dicke fertiggestellt. Dann wurden durch die politische Entwicklung im Herbst 1989 alle Arbeiten im Wäldchen eingestellt. Bis dahin gab es in einer Baubaracke nur einen einzigen Telefonanschluss, aber bei der Deutschen Post war mit Vorrang die Projektierung einer PCM30-Anbindung des Objektes in Bearbeitung. Verbindungsoffiziere der Roten Armee in Karl-Marx-Stadt zur Deutschen Post verfügten über Kartenmaterial, in dem die Umgebung der Baustelle einschließlich Teilen von Kleinolbersdorf besonders gekennzeichnet war – als „gefährdetes Gebiet im Falle militärischer Kampfhandlungen", wie sie die verantwortlichen Mitarbeitern der Deutschen Post knapp wissen ließen.

Obwohl das Bauvorhaben auf der Gemarkung von Kleinolbersdorf lag, wusste von den Einwohnern im Ort niemand, was hier eigentlich vorging. Auch die damaligen Gemeinderäte waren offensichtlich nicht informiert und mit ihrer Unkenntnis zufrieden. Anders scheint es sich aber mit dem Wissen von Bürgermeister Schubert zu verhalten. Auf Verlangen der örtlichen Bürgerbewegung fand im Januar 1990 eine Begehung der Baustelle statt, bei der Bürgermeister Schubert zwei Polizeioffiziere aus dem Volkspolizeikreisamt Karl-Marx-Stadt als verantwortliche Wissensträger hinzugezogen hatte. Wie sie darlegten, handele es sich hier um den Bau eines „Schulungsobjektes". Über diese Tarnbezeichnung hinaus und dessen, was man sehen konnte, war weiteres nicht zu erfahren. Auch waren angeblich keinerlei Bauunterlagen zur Einsichtnahme verfügbar. Bemerkenswert ist ein Ereignis: Für den Einbau in das Bauwerk lagerten am Tag der Begehung neben der Baugrube vier Bunkertüren schwerster Stahlbauweise. Zwei Wochen danach waren diese Stahltüren verschwunden. Der Abtransport konnte nicht ohne LKW mit entsprechender Hebetechnik erfolgt sein. Mehrere Einwohner der Siedlung Ruhebank registrierten später an vielen Tagen bis kurz vor Weihnachten 1990 Geräusche und Vibrationen in Intervallen, wie sie bei unterirdischen Bauarbeiten mit Pressluftwerkzeugen und Kompressoreinsatz erzeugt werden. Seit 1985 gab es in der DDR ein „Gesetz zur Erfassung unterirdischer Hohlräume". Irgendwo könnten auch die verschwundenen Stahlpanzertüren zum Einbau gekommen sein. Für Akten, die unbedingt erhalten bleiben sollten, wie die Namenlisten für die Isolierlager oder auch Waffen zur späteren Verfügung, waren für das alte Regime in dieser Zeit oberirdische Gebäude nirgendwo mehr sicher.

Das Geheimnis des Wäldchens vor dem Adelsbergturm konnte durch die Ortsbegehung nicht gelüftet werden und auch Bürgermeister Schubert hüllte sich weiterhin in Schweigen. Aber die Umstände des Bauvorhabens wie die Standortwahl, dreifache Versorgungsleitungen, die leistungsfähige  Nachrichtenanbindung und die monumentale Bodenplatte lassen kaum Zweifel: Hier handelte es sich um den Bau einer Raketenabschusseinrichtung zur Luftverteidigung von Karl-Marx-Stadt. Wie sich ältere Einwohner erinnern, war bereits 1943  an gleicher Stelle der Wald gefällt worden mit dem Ziel, hier eine Flak-Stellung zur Luftverteidigung von Chemnitz zu errichten. Damals wurden die Geschütze dann dringender an der Front gebraucht und das begonnene Vorhaben nicht realisiert. War man jetzt mit der gleichen Zielstellung wieder auf diesen exponierten Standort zurückgekommen? Ein solches Objekt ist für den Gegner immer ein vorrangiges Ziel und wäre damit auch zu einer besonderen Gefährdung für Kleinolbersdorf geworden. Damit wollte man die Einwohner natürlich nicht beunruhigen und gegeüber dem allgegenwärtigen Klassenfeind war höchste Geheimhaltung geboten.

Die kuriose Gemeinderatssitzung

Einiges deutet darauf hin, dass Bürgermeister Schubert mehr wusste, als er preisgab. Darüber und über manches andere, das damals viele Einwohner in der Gemeinde bewegte, hätten wir im Herbst 1989 gern mit ihm gesprochen. Unseren ersten beiden Bürgerversammlungen mit Pfarrer Lothar Popp in der gut besuchten Kirche war er trotz Einladung ferngeblieben. Um dennoch ins Gespräch zu kommen, hatten Vertreter der Bürgerbewegung ihm einen kritischen Brief geschrieben über die verfahrene gesellschaftliche Situation in unserer Gemeinde. Dieser Brief führte am 19. Dezember 1989 zu der wohl kuriosesten Sitzung des Gemeinderates aller Zeiten. Die erste Stunde verlief nach der Devise „alle gegen einen", gegen mich als Unterzeichner des Briefes. Zur besonderen Machtdemonstration war ein Gemeinderat lautstark in seiner Uniform als Oberstleutnant der NVA aufgetreten. Mich hat das nicht eingeschüchtert, es erschien mir wie ein Relikt aus der 1945 zu Ende gegangenen Ära und hat mich in der Überzeugung bestärkt, dass gesellschaftliche Veränderungen unumgänglich sein werden. Danach hatte ich Gelegenheit, Bürgermeister Schubert zu fragen, ob es der Wahrheit entspricht, dass bei ihm ein Einbruch in seine Wohnung stattgefunden hatte und neben etwas Westgeld seine persönliche Waffe (er war damals beim Rat des Kreises Karl-Marx-Stadt/Land im Bereich Bauwesen beschäftigt) entwendet worden ist. Zur großen Verwunderung seiner Gemeinderäte bestätigte er diesen Sachverhalt, aber seine Erklärungen dazu waren geradezu lächerlich. Jetzt saß mancher der Gemeinderäte mit gesenktem Kopf und Unbehagen in der Versammlung. Wenig später schob Bürgermeister Schubert mir den Schlüsselbund des Rathauses über den Tisch mit der Aufforderung, die Bürgerbewegung solle nun ab morgen hier residieren. Natürlich gab ich die Schlüssel zurück, denn der nächste Bürgermeister werde nicht „eingesetzt" wie bisher, sondern von den Einwohnern demokratisch gewählt. Bis dahin müsse Herr Schubert seine Aufgabe als Bürgermeister erfüllen. Am meisten war ihm der Verlust der persönlichen Waffe zum Verhängnis geworden, weshalb er im Zuge einer Disziplinarmaßnahme als Bürgermeister in unsere Gemeinde „delegiert" worden ist. Das alles war natürlich sehr mysteriös, denn welcher Werktätige in der DDR hätte wohl einen Wohnungseinbruch verübt, um eine Pistole zu erlangen? Aber bei der Staatssicherheit auf dem Kaßberg gab es eine Truppe, die auf Einbrüche und konspirative Durchsuchung von Wohnungen spezialisiert war. Ging dieser Wohnungseinbruch vielleicht auf ihr Konto, um für das Bauvorhaben vor dem Adelsbergturm einen geeigneten Bürgermeister nach Kleinolbersdorf zu bugsieren? Es sah ganz so aus.

Die erste demokratische Wahl seit 1933

Als dann die erste Kommunalwahl heranrückte, war Bürgermeister Schubert um seinen Arbeitsplatz bemüht und wollte wieder als Bürgermeister kandidieren. Bei einer Partnergemeinde in Franken, in Schwarzenbach an der Saale, hatte er bereits offene Ohren und Unterstützungsangebote gefunden. Obwohl von keiner Partei vorgeschlagen - er war im Herbst 1989 aus der SED ausgetreten - gab es eine Unterschriftensammlung der SED-Genossen für ihn. Inzwischen hatten wir für jeden Bewerber die Kandidatur zur Gemeindevertretung mit einer Eidesstattlichen Erklärung verknüpft, dass er weder offiziell noch inoffiziell für die Staatssicherheit tätig war. Später wurde die Unterschriftensammlung für Bürgermeister Schubert eingestellt. Wir wollten in der kommunalen Arbeit einen wirklich demokratischen Neubeginn, ohne Parteigruppe des Gemeinderates, die jeweils eine halbe Stunde vor jeder Ratssitzung zusammentritt und danach die Beschlüsse den Gemeinderäten nur noch zum Abnicken verkündet. Wir wollten einen echten Neubeginn: Offen und ehrlich, sauber und konstruktiv. Und wir wollten künftig integre Gemeinderäte mit Kompetenz.

Im Ergebnis der ersten demokratischen Wahlen bei uns seit 1933 am 18. März 1990 wurden 17 Gemeindevertreter gewählt, davon 15 über die Liste der CDU. Mir war diese schwarze Dominanz zu einseitig, ich hätte mir ein Gegengewicht von der SPD gewünscht. In einer Demokratie begünstigt eine fehlende Opposition oft die Selbstgefälligkeit der Machtträger, die wir grade erst abgeschafft hatten. Aber die Wähler hatten nun so entschieden. Unter den Gemeinderäten wurde in geheimer Abstimmung Bernd Gerlach zum Bürgermeister gewählt. Das war damals eine hauptamtliche und schon bald gut bezahlte Arbeitsstelle. Seit der Eingemeindung nach Chemnitz 1997 ist er Vorsitzender des Ortschaftsrates. Karlheinz Reimann wurde 1990 zum Vorsitzenden des Gemeinderates gewählt. Diese Funktion hat er während der ersten vier entscheidenden Jahre des kommunalen Neubeginns ausgeübt. Die Gemeinderäte verrichteten ihre umfangreiche Arbeit ehrenamtlich und erhielten damals ein Sitzungsgeld von 30DM, der Vorsitzende 50DM im Monat. Die Nachprüfung der abgegebenen Eidesstattlichen Erklärungen durch die Gauck-Behörde ergab, dass 16 Gemeindevertreter niemals Berührung mit der Staatssicherheit hatten. Nur für Karlheinz Reimann hatte sich das MfS interessiert, einen IM-Vorlauf angelegt und ihn mindestens ein Jahr lang observiert, bevor 1975 in einer konspirativen Wohnung das erste Werbegespräch mit ihm geführt wurde. Aber er hatte - wie sein künftiger Führungsoffizier in der Stasiakte festgehalten hat – „die Zusammenarbeit mit dem MfS abgelehnt, weil er angeblich in innere Konflikte gerät, wenn er das MfS über ihm nahestehende Personen informiert". Seine Stasi-Geschichte ist im Internet nachzulesen unter www.bstu.bund.de im Beitrag „NEIN-Sager". Ein besseres Zeugnis hätte ihm das MfS nicht ausstellen können. Er ist danach nie wieder angesprochen worden und konnte von daher auch nach 1989 unbesorgt in die Zukunft schauen.

Der schwierige kommunale Neubeginn

Die letzte Sitzung des alten Gemeinderates unter der Leitung von Bürgermeister Schubert in der Saalstube des „Goldenen Hahn" ist mir noch heute in Erinnerung: Es wurde durchweg über unwichtige Dinge palavert, der Kellner servierte Speisen und Getränke, es wurde während der Sitzung gegessen und getrunken, als sei dies der Hauptzweck der Veranstaltung. Mir war sofort klar, das konnte so nicht bleiben. Noch einmal tagte der neue Gemeinderat zu seiner konstituierenden Sitzung und zur geheimen Wahl des Bürgermeisters öffentlich im „Goldenen Hahn". Danach ging es in einem Klassenzimmer der Schule Kleinolbersdorf an die Arbeit.

Die alte Gemeindeverwaltung hatte vorwiegend sich selbst verwaltet. Schon lange Zeit gab es in der Gemeinde keine ausführenden Kräfte mehr, keinen Straßenmeister oder Gemeindehandwerker wie in früheren Jahren. Entsprechend war in den beiden Dörfern vieles im Argen: Die schwarzen Anschlagbretter waren teilweise morsch und reparaturbedürftig. Die Schultoiletten, besonders in Altenhain, waren eine Zumutung für die Kinder. Die Lehrer klagten über ungenügende Ausstattung der Schule mit Lehrmitteln. Der Gasthof Kleinolbersdorf war verfallen, der Saal baupolizeilich gesperrt. Die Gaststube wurde nur noch als Schülergaststätte genutzt. Auch hier waren die hygienischen Voraussetzungen der Toiletten und in der Küche für Schule und Kindergarten völlig unzureichend. Nach heutigen Hygienestandards hätte die Küche sofort gesperrt werden müssen. Die Straßengräben in den beiden Dörfern waren jahrelang nicht instand gehalten worden. Am Dorfteich in Kleinolbersdorf lief das Wasser bei starkem Regen quer über die Straße, im Winter entstand hier eine breite Eisfläche. Der Teich war überwiegend verschlammt und als Löschwasserreservoir nur noch eingeschränkt nutzbar. Die Feuerwehr war in einem alten Seitengebäude des Gemeindegutes untergebracht, ihre Ausrüstung entsprach seit langem nicht mehr den Anforderungen der Zeit. Abwasser wurde in den Dörfern teilweise ungeklärt eingeleitet, wie man am biologischen Zustand des Schwarzbaches im Sternmühlental deutlich sehen konnte. Die Straßenbeleuchtung war durchweg überaltert und reparaturbedürftig. Viele Antragsteller warteten seit Jahrzehnten ohne Aussicht auf einen Telefonanschluss. Die öffentliche Telefonzelle am Gemeindegut Kleinolbersdorf war ungepflegt und oft defekt. Gasheizung war mit den Rohrleitungen aus den dreißiger Jahren unmöglich und wurde nur für sehr wenige privilegierte Einwohner genehmigt. Überall hatten sich Erstarrung und Stillstand eingenistet. Bürgermeister Schubert beklagte die Untätigkeit der örtlichen Kommissionen. Tatsächlich hatte kaum noch jemand Interesse an einer Mitwirkung. Spätestens ab 16 Uhr war im Gemeindeamt niemand mehr anzutreffen, das Haus für ehrenamtliche Tätigkeit „aus Sicherheitsgründen" nicht mehr zugänglich. Bürgermeister Schubert hat als Ortsfremder nie eine enge Beziehung mit unserer Gemeinde und ihrer Einwohnerschaft aufbauen können. Auch deshalb wollten wir künftig einen Bürgermeister aus unserer Mitte.

Für die neu gewählte Gemeindevertretung war der Neubeginn nicht einfach. Eine zweiwöchige gemeinsame Übergabezeit vom alten zum neuen Bürgermeister hätten wir uns schenken können: Der Panzerschrank im Rathaus war nahezu leer übergeben worden, die mündliche Kommunikation spärlich und nicht ohne Häme. Wir waren guten Willens, aber ohne jede Erfahrung in der kommunalen Verwaltungsarbeit. Wir schrieben von einer westlichen Gemeinde die Satzung zur Arbeit einer Gemeindevertretung ab und ebenso die Satzung für den wichtigen Hauptausschuss. Wir holten uns an einem Samstag Rat und Anschauung beim Bürgermeister von Schirnding in Bayern, einem parteilosen ausgefuchsten Zollbeamten, der mit viel Erfahrung und Pfiffigkeit einen fifty-fifty schwarz-roten Gemeinderat leitete. Wir luden westliche Architekten zur Dorfgestaltung ein, um nicht die früheren Fehler des Westens bei uns zu wiederholen. Wir setzten viel Vertrauen in die westlichen Ratgeber, doch nicht alle Ratschläge haben sich später als wirklich hilfreich erwiesen. Vom Landratsamt war keine wesentliche Anleitung zu erwarten: Dem neuen Landrat Christian Wehner standen die Probleme bis über die Ohren, er musste mit dem Personalkörper vom Rat des Kreises Karl-Marx-Stadt/Land das Landratsamt „Chemnitzer Land" aufbauen. Und der von der deutschen Wiedervereinigung überrumpelte Westen brauchte Monate, bis er pensionierte Verwaltungsbeamte aus dem Ruhestand holte und sie als Berater auch für die Dörfer in den Osten schickte. Aber in vielen juristischen und verwaltungstechnischen Fragen wären wir ohne ihre Unterstützung nicht ausgekommen. Die Gemeinde war damals noch selbständig. Ab sofort war die kommunale Arbeit in vieler Hinsicht eigenverantwortlich und nach nun geltendem Recht und Gesetz zu gestalten.

Unsere Gemeinde im Aufbruch

Zunächst musste sich der neue Gemeinderat in einem intensiven Lernprozess mit seinen vielfältigen und oft auch schwierigen Aufgaben vertraut machen. Er hatte jetzt oft über ziemlich große Investitionen und zuweilen auch heikle Fragen verantwortungsvoll zu entscheiden. Als erstes wurde die Gemeindeverwaltung personell erweitert. Heidrun le Beau als Sekretärin und Regina Fiedler für Allgemeine Verwaltung und Sozialwesen wurden übernommen, Sonnhild Göhler für Haushalt und Finanzen sowie Corinna Rösch für Bau- und Wohnungswesen neu eingestellt. Harald Müller als Gemeindehandwerker übernahm die Leitung des neu gegründeten Bauhofes, in dem zeitweise bis 20 ABM-Kräfte beschäftigt waren. Neue Schreibtechnik, Kopiertechnik und bald schon Computer mit speziellen Verwaltungsprogrammen wurden zur Intensivierung der Verwaltungsarbeit angeschafft. Die Mitarbeiterinnen mussten sich für den Umgang mit der neuen Technik und neuen Verwaltungsvorschriften qualifizieren. Um neben dem Dutzend neu errichteter Schaukästen in den Dörfern die Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern, wurde der „Gemeindebote", unsere vierteljährlich verteilte, für die Einwohner kostenlose (weil werbefinanzierte) Dorfzeitung geschaffen. Damals haben alle Gemeindebeschäftigten, alle Gemeinderäte und viele Einwohner regelmäßig an der Gestaltung mitgewirkt und viele interessante Beiträge eingebracht.

Für den Bauhof wurde noch 1990 ein gebrauchtes Unimog-Nutzfahrzeug angeschafft. Damit begann auch eine neue Ära für den Winterdienst in unseren Dörfern, die bis heute in hervorragender Weise anhält. In den Gemeinderatssitzungen wurden jetzt wichtige Grundsatzentscheidungen für die weitere Entwicklung der Gemeinde getroffen. Und zwischen den Gemeinderatssitzungen hat Bürgermeister Bernd Gerlach mit seinem Team eine intensive Arbeit zur Verwaltung der Gemeinde und Umsetzung der Gemeinderatsbeschlüsse geleistet. Außerdem waren die Gemeinderäte als Mitglieder in einem der neu gebildeten Ausschüsse (Hauptausschuss, Bauausschuss, Finanzausschuss, Rechnungsprüfungsausschuss, Umweltausschuss, Sozialausschuss, Ausschuss für Kultur und Sport) unmittelbar an der Umsetzung von Beschlüssen und Entscheidungen für das weitere Geschehen in der Gemeinde beteiligt. Es gab sehr viel zu tun!

Der Aufbruch der Gemeinde wurde schon bald an konkreten Ergebnissen sichtbar. Davon können hier nur einige als Meilensteine der Entwicklung erwähnt werden. Etwas überstürzt und ökologisch nicht  ausgereift – die Finanzmittel wurden nach dem „Windhundverfahren" vergeben – konnte noch 1991 der Dorfteich in Kleinolbersdorf saniert werden. Die Umstellung von Stadtgas auf energiereicheres Erdgas mit erhöhtem Druck machte schrittweise eine umweltschonende Gasheizung für alle in den beiden Dörfern möglich. Man spürte jetzt deutlich die sauberer gewordene Luft. Der Gasthof Kleinolbersdorf wurde mit konkreter Zielstellung zur Rekonstruktion mit privaten Mitteln verkauft. Der Investitionsbedarf dafür hätte die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde überschritten. Zur Behandlung des Abwassers aus den beiden Dörfern wurde am Eingang zum Stermühlental als Zwischenlösung zunächst ein Container-Klärwerk errichtet. Für eine endgültige Lösung hat sich die Gemeinde auch gegen mehrere zu groß bemessene Angebote und überzogene Kosten (3 Millionen DM) – wie typisch in dieser Zeit - erfolgreich gewehrt. Nach der Eingemeindung 1997 konnte durch den Bau einer Abwasserdruckleitung die Einleitung in die Kläranlage von Chemnitz als kostengünstigste Variante mit 750.000 DM realisiert werden. Das traditionsreiche Rathaus in Altenhain wurde in wenigen Monaten mit 560.000 DM rekonstruiert und 1992 als neues Domizil für die Gemeindeverwaltung und Bürgerhaus als „Schmuckstück" eingeweiht. Leider wird diese Investition heute nur noch sehr wenig genutzt. Bei der Errichtung des Gewerbegebietes in Altenhain sind wir den Planungen von Altbürgermeister Ebert aber nicht gefolgt: Er hatte – nur aus der Sicht von Kleinolbersdorf – dafür die freie Fläche vor Roschers Gut angedacht. Westliche Architekten rieten uns, hier den herrlichen Blick auf die Augustusburg niemals zu verbauen. Auch sind wir bei der Konzeption des Gewerbegebietes dem Drängen in heftigen Diskussionen nicht gefolgt, hier als Monokultur einen IKEA-Standort mit einer Parkfläche von 30.000m2 zu errichten. Stattdessen wollten wir zur Risikoverteilung ein eingeschränktes Gewerbemischgebiet mit Produktionsanteil errichten und nicht „alle Eier in einen Korb legen". Dagegen hätten wir das Angebot zweier Investoren aus Österreich und der BRD gern wahrgenommen, in Altenhain neben dem Gewerbegebiet ein Hotel- und Freizeitzentrum nach dem bewährten Seminariskonzept (Schulungszentrum für mehrtägige Managerschulungen, Konferenzen usw.) zu errichten, auch wegen des Entstehens vieler Arbeitsplätze. Die Investoren hatten mit 230 Hotelbetten kalkuliert, das zustimmungspflichtige Oberzentrum Chemnitz stutzte diese auf 100 Betten und die Investoren sind daraufhin weitergegangen.

Überall spürbar in der Gemeinde war der Beginn einer regen Bautätigkeit. In der Siedlung Gartenstadt wurden die bisher oberirdischen Leitungen der Energieversorgung und der Straßenbeleuchtung gemeinsam mit den neuen Telefon- und Fernsehkabeln nun unterirdisch verlegt. In Kleinolbersdorf war die Gemeinde Eigentümer des landwirtschaftlich genutzten Bodens um das heute weitgehend abgerissene Gemeindegut. Das war auch die Fläche, die Altbürgermeister Ebert für den weiteren Ausbau der Gartenstadt vorgesehen hatte. Für die weitere Selbständigkeit der Gemeinde, für den Erhalt von Schule und Kindergarten und die Ansiedelung von Geschäften war eine Erhöhung der Einwohnerzahl dringend geboten. Häuser zu bauen schafft Arbeit und Arbeit bringt Menschen in Lohn und Brot, so unsere Vorstellung. Deshalb haben wir nach der Wende umgehend in guter Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Krüger aus Chemnitz mit der Planung von Gartenstadt-Nord begonnen. Aber dagegen wurde sehr bald eine Bürgerinitiative organisiert, der sich viele Einwohner angeschlossen haben. Es war zunächst ein Aufstand von wenigen „Habenden" gegen viele „Wünschende" meist aus Chemnitz, die von einem bezahlbaren „Häuschen im Grünen" träumten. Die vorgebrachten Einwände, in einem Pamphlet aufgeführt, waren überwiegend an den Haaren herbeigezogen und nicht tragfähig: Der Baustil der Häuser passe nicht zum Charakter der Siedlung, die Grundstücke seien zu klein, morgens und abends würden innerhalb einer Stunde 350 Fahrzeuge im Wohngebiet heraus bzw. hereinfahren, man könne im Abgasnebel nicht atmen, es entstünde eine unzumutbare Lärmbelästigung, wurde da ins Feld geführt. Man liest es heute mit Verwunderung. Aber 150 Einwohner hatten bereitwillig das Pamphlet unterschrieben, „der neue Gemeinderat sollte gekippt werden", hieß es. 30 Einwohner davon haben kurz darauf in der Gemeindeverwaltung ihre Unterschrift zurückgezogen, nachdem sie erkannt hatten, dass es nicht ihre Interessen waren, die hier verfolgt wurden. Doch der Gemeinderat musste sich in demokratischer Verfahrensweise damit auseinander setzen. Gutachten zu Lärmschutz und Luftreinhaltung mussten erstellt werden und zeigten die Haltlosigkeit der erhobenen Einwände. Dies hat uns erheblich zu schaffen gemacht und das gesamte Vorhaben um mehr als  ein Jahr verzögert. Eine der Folgen war, dass die Schließung der Schule in Kleinolbersdorf wegen fehlender Kinder für die erste Klasse erstmals auf dem Plan stand. Als Vorsitzender stand ich wiederholt unter Kritik, weil die Gemeinderatssitzung durch die Abwägung der vielen Einsprüche sich zuweilen bis Mitternacht hinzog (ein Bruchteil davon wäre als kritische Begleitung des Brückenbaus an der Shakespeare-Straße während der öffentlichen Auslegung angebracht gewesen, um für die gefährlichen Brückenzufahrten eine Leitplanke und einen Fußweg einzufordern). Am Ende wurde Gartenstadt-Nord wie im ersten Bauabschnitt vorgesehen realisiert. Später hat die Bürgerinitiative in einer neugegründeten GbR durch den privaten Aufkauf von Grundstücksflächen des Baugebietes - zumeist durch neu zugezogene Einwohner - in einer gegen den Gemeinderat gerichteten eiligen Nacht- und Nebelaktion die Ausführung des zweiten Bauabschnittes von Gartenstadt-Nord endgültig verhindert. Zwei stumpf endende Straßen zeugen heute davon, wie das geplante Bauvorhaben nur als Torso abgeschlossen werden konnte. "Jedenfalls haben wir unser Ziel erreicht", verlautete aus der GbR.  Wenn Einwohner selbst ihr Eigeninteresse höher bewerten als das Gemeinwohl, muss man sich am Ende nicht wundern, wenn Sparkasse, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen mangels ausreichender Einwohnerzahl geschlossen werden. Das aber ist das Gegenteil von dem, was Altbürgermeister Johannes Ebert einst angestrebt hat. 

Heute bewundern Besucher und Spaziergänger in Gartenstadt-Nord die interessant gestalteten Reihenhäuser inmitten blühender Gärten und die Ruhe der Wohnlage, die auch für Familien mit kleinerem Geldbeutel erschwinglich waren. Die Architekten hatten sich dabei von ähnlichen Projekten in Kanada inspirieren lassen. Während Gegner der Bebauung damals den Baustil der Reihenhäuser heftig kritisierten, bekommt man heute  von  Bewohnern  der Häuser viel Löbliches zu hören. Auch das alte Gemeindegut mit dem Kälberstall der LPG, der die Wohnumgebung mit penetrantem Stallgeruch und Scharen von Fliegen belästigte, ist längst den neuen Wohn- und Geschäftshäusern gewichen. Die Feuerwehr hat einen komfortablen Neubau mit ansprechenden Räumlichkeiten und ein modernes Fahrzeug erhalten. Die Anschaffung des neuen Feuerwehrfahrzeuges war nur schrittweise möglich, weil wir die Finanzierung von 1,5 Millionen DM in unserem Gemeindehaushalt auf zwei Jahre aufteilen mussten. Auch an mehreren weiteren Standorten entstanden neue Häuser, so in Kleinolbersdorf an der sanierten Straße „Zum Adelsberg", am „Eubaer Weg", „Am Sachsenkeller, am „Wieseneck", am „Pfarrlehen", am „Finsterbuschgut" und in Altenhain an der „Baumeister-Uhlig-Straße" sowie viele Lückenbebauungen in beiden Dörfern.

Später hat sich Bürgermeister Gerlach mit viel Energie für die Erneuerung der Ortsdurchgangsstraße in Kleinolbersdorf mit Anlage eines Fußweges und der Errichtung eines Zwei-Kanal-Abwassersystems eingesetzt, in dem Regenwasser und Schmutzwasser getrennt geführt werden. Viele Gemeinden unserer Größe im Westen haben das bis heute nicht. In gleicher Weise war der Ausbau der Dorfstraße in Altenhain vorgesehen, ist jedoch durch die Eingemeindung 1997 nach Chemnitz nicht mehr zur Ausführung gekommen. Aber nicht alles ist gut gelungen. Heute beklagen Einwohner, dass die sanierte Straße "Zum Adelsberg" keinen Fußweg erhalten hat und besonders im Winter das Laufen auf glatter Straße nicht ohne Gefahr ist, wobei die gemeindeeigene Grundstücksfläche dafür von den Anliegern vereinnahmt worden ist. Die großen Häuser gegenüber Roschers Gut, des heute sehr reizvoll rekonstruierten Vierseitenhofes, waren in erster Planung so nicht vorgesehen. Ein erster Architekturentwurf sah eine „Zum Adelsberg" hin offene U-förmige ein- bis zweistöckige Bebauung, unten mit Geschäften, Wandelgang und Stufen zum Gefälleausgleich längs der Gebäude, darüber mit Wohnungen sowie in der Mitte einer Brunnenanlage vor, die in architektonischer Anpassung zum gegenüberliegenden Roschergut eine hervorragende Gestaltung verkörpert hätte. Mit den später realisierten, teils zu großen Häusern wurde die Chance für eine harmonische Architekturlösung unwiederbringlich vertan. Hier hat man dem Rentitestreben der Investoren leider zu bereitwillig nachgegeben.

Parallel und unabhängig von den vielen Sachproblemen, mit denen sich der Gemeinderat zu befassen hatte, war Pfarrer Lothar Popp bereits vom Jahresbeginn 1990 gemeinsam mit vielen Eltern, die damals Kinder in Kindergarten und Schule hatten, für eine Demokratisierung des Bildungswesens in der Gemeinde eingetreten. Aus dem Kindergarten wurde das Militärspielzeug entfernt, in der Schule Fahnenappell, Staatsbürgerkunde und Wehrerziehungsunterricht abgeschafft. Wer sich für Religionsunterricht und Konfirmation entscheiden wollte, sollte künftig nicht mehr stigmatisiert und bezüglich seiner Ausbildungschancen benachteiligt werden. Wir leben in einem Land mit christlich geprägter Kultur und Geschichte, das in über 200 Jahren Aufklärung gestaltet worden ist. Ohne Religionskenntnisse sind viele Gemälde der Alten Meister oder manche historische Literatur nicht zu verstehen. Eltern drängten auch auf personelle Veränderungen in der Lehrerschaft. Aus Mangel an ausreichend großen Schülerzahlen und im Zuge mehrer Schulreformen nach der Wende war es in den folgenden Jahren nicht zu verhindern, dass trotz des Schulanbaus in der DDR-Zeit aus der Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule eine nur noch vierklassige Grundschule wurde und selbst um deren Bestand mehrmals gekämpft werden musste.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Schulsystem in der DDR hatte Vorzüge, die man sich heute wünschen würde. So hatte ein Abitur den gleichen Wert und die gleiche Anerkennung, egal ob es in Rostock, Jena oder Dresden abgelegt worden ist. Auch bei Abschlussprüfungen war landesweit ein objektiver Leistungsvergleich möglich, weil die Prüfungsaufgaben gleichzeitig an allen Orten den verschlossenen Briefumschlägen entnommen wurden. Die Schule in der DDR hat durchweg disziplinierte Schülerinnen und Schüler mit soliden Kenntnissen in den Grundfächern Lesen, Schreiben, Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie, Physik und Chemie ins Leben entlassen, die durch Praktika in Betrieben gut für eine berufliche  Ausbildung vorbereitet waren und sich nirgendwo benachteiligt zu fühlen brauchten. Viele junge Menschen aus der DDR-Schule haben nach der Wende in den alten Bundesländern oder im Ausland sehr erfolgreich ihren beruflichen Weg beschritten und ihr persönliches Glück gefunden. Auch gab es in der DDR ein konstruktives Zusammenwirken zwischen Elternhaus und Schule. Die Defizite der Schule in der DDR lagen in der einseitig auf Russisch ausgerichteten Sprachausbildung und der ideologisch verfälschten Geschichtsvermittlung. Das aber war im weiteren Leben durch eigenes Bemühen gut zu korrigieren, wenn man es wollte.

Resümee

Nach seiner Abwahl in Kleinolbersdorf-Altenhain hat sich Bürgermeister Schubert auf seine „Delegierung" vom Rat des Kreises berufen und auf seine Rückkehr in das neu gebildete Landratsamt bestanden. Er war hier noch eine Zeitlang im Bereich Umwelt und Touristik tätig, bevor er 1990 im Landratsamt fristlos entlassen wurde.

Das alles liegt nun bald ein Vierteljahrhundert zurück. Unsere beiden Dörfer haben in dieser Zeit eine beachtliche Entwicklung genommen. Im Wäldchen vor dem Adelsbergturm haben vor zwei Jahrzehnten Bulldozer die Baugrube mit den aufgetürmten Erdmassen wieder zugeschüttet. Der Betonklotz ruht nun tief in der Erde. Die auf der Lichtung neugepflanzten Kiefern haben bereits eine stattliche Höhe erreicht. Ein Stück Natur wächst wieder heran, als wäre hier nie etwas anderes gewesen. Eine Gefährdung für unser Dorf geht nach den politischen Veränderungen vom Herbst 1989 von hier nicht mehr aus. Es ist heute ohne Bedeutung, dass Bürgermeister Schubert das Geheimnis des Wäldchens vor dem Adelsbergturm mitgenommen und bis heute treulich gehütet hat.

Die atemberaubende Entwicklung im Herbst 1989 hat viele Menschen in der DDR nachhaltig geprägt und ermutigt, die künftige Entwicklung selbst mitzugestalten. Die folgende Zeit hat vielen von ihnen bisher nicht vorstellbare Aufstiegsmöglichkeiten in Politik oder Wirtschaft geboten. Viele von ihnen sind aber auch durch selbst unverschuldete Umstände oder im weiteren Vertrauen auf die Hege und Pflege des vormundschaftlichen Staates, der plötzlich nicht mehr da war, und zu geringes Selbstvertrauen „unter die Räder" gekommen, wovor Willy Brandt 1989 nach dem Fall der Mauer gewarnt hat.

Für mich persönlich waren die vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich ab 1990 für die Entwicklung in unserer Gemeinde eröffnet haben, eine aufregende und erfüllende Erfahrung. Mein Leben im Beruf war bis dahin durch wissenschaftliche und ingenieurtechnische Tätigkeit geprägt, die im weitesten Sinne immer wahrhaft und transparent ist. Angesichts der breiten Ablehnung eines hervorragenden Vorhabens wie der Wohnbebauung Gartenstadt-Nord, aber auch der sehr zögerlichen oder gänzlich ausgebliebenen Solidarität meiner Mitstreiter nach der Stasi-Verleumdung  (ihr Schweigen zu den offengelegten Stasi-Unterlagen zeigte, dass die gesäten Zweifel größer waren als das vorhandene Vertrauen), keimten bei mir Gedanken auf, bei der nächsten Gemeinderatswahl nicht wieder zu kandidieren. Ich hatte nicht das dicke Fell eines Politikers um jeden Preis, und ich wollte mir dieses Fell auch nicht überziehen. So habe ich mich noch einige Jahre interessanter beruflicher Arbeit gewidmet und bin recht zufrieden in den Ruhestand gegangen. Es war für mich eine gute Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.