von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Dezember 2010, überarbeitet im Februar 2014

Weihnachten war auch in der DDR ein großes Fest. Offiziell wurde es immer öfter „Fest des Lichtes“ genannt, um den Bürgern die christliche Weihnachtsgeschichte peu à peu aus dem Gedächtnis zu entrücken. Allerdings mit geringem Erfolg, am Heiligen Abend waren die Kirchen proppenvoll. Selbstverständlich wurde hierzulande für die Festtage gekocht, gebacken und gebraten, es wurden Stollen, die Weihnachtsgans, Apfelsinen und die weihnachtlichen Leckereien besorgt. Im Fleischerpäckchen fand man meist auch einen Rollschinken, obwohl der gar nicht auf dem Bestellzettel gestanden hatte. Doch  ohne Zitronat, Orangeade, Mandeln und ausreichend Rosinen aus dem Westpaket nahm das Stollenbacken hier keinen rechten Anfang. 

Wer beizeiten zu suchen begann, hatte zum Fest seine Geschenke beisammen. Geschenkt wurde, was man brauchte – und was man ergattern konnte. Die Bäume des Wohlstandes wuchsen nicht in den Himmel, es ging überwiegend recht bescheiden zu. Man freute sich auf gutes Essen und geruhsame Tage bis zum Anfang des neuen Jahres. Nein, niemand musste hungern oder frieren, keiner war ohne Obdach. Das gab es in der DDR nicht. ( Nach Auskunft der Bundesregierung ist 2016 die Zahl der Wohnungslosen in Deutschlandauf auf rund 335.000 gestiegen - ein Plus von 35% im Vergleich zu 2010. Unter ihnen sind 29.000 Kinder (1). Wie kann das sein in unserem so reichen Deutschland? Lässt die Politik diese Menschen, darunter diese vielen Kinder einfach im Stich? )  Vor Weihnachten war auch die Zeit, in der die Deutsche Post ( sie hieß nicht Post der DDR! ) unter dem Ansturm der vielen Westpakete vor dem Kollaps stand. Moderne Paketverteiltechnik gab es nicht. Alles wurde von Hand mit Wagen und Karren umherbugsiert, wozu auch die Schreibtischpostler zu Sonderschichten abkommandiert wurden. Schließlich mussten bis Heiligabend alle Pakete ausgetragen sein, das war ein Politikum. Wenn dann zur Bescherung auch das Westpaket ausgepackt wurde, glänzten die Augen bei Jung und Alt über all die Sachen, die da zum Vorschein kamen: Jacobs Krönung, Schokolade mit der blauen Milka-Kuh auf der Verpackung, fein schmelzend, ohne das Gefühl von Sand auf der Zunge. Mon Cherie mit der Piemont-Kirsche, Bienenhonig von Langnese, Ölsardinen. Auch das Olivenöl war durchgegangen, obwohl Dosen zu schicken verboten war. Drei Stück herrlich duftende Lux-Seife, ein kleines Fläschchen Parfüm Chanel Nr.5. Ein kuschelweicher Wollpulli, ein Paar fetzige Turnschuhe, zwei getragene, nach Frische duftende, fast neue Jeans … Die Damenstrumpfhosen aus dem VEB Esda in Auerbach, hier das Stück zu  8 Mark/DDR erhältlich, kamen nun von Quelle im Doppelpack zu 1,99 DM wieder zurück.  Eine solide Kaffeemaschine von Freunden aus Bad Soden hat uns über 20 Jahre bis in die Nachwendezeit treulich begleitet. Ein paar tolle Farbfotos vom Wochenendausflug nach Paris und vom Urlaub im Herbst auf Lanzarote waren auch beigelegt. Groß war damals die Freude, ein wenig von dem in den Händen zu halten, was man sonst nur aus der Werbung im Westfernsehen kannte. Und darunter mischte sich ein wenig Traurigkeit darüber, dass dies alles für uns so fern und unerreichbar war. Vielleicht als Rentner, wenn man gesund bleibt und die Verwandten im Westen es finanzieren, wird man einmal auf Sylt spazieren gehen oder von der Zugspitze den Blick auf die Bergwelt genießen können. Bedrückend war der chronische Mangel hier an so vielen Dingen des täglichen Bedarfs. Viele ältere Mitbürger erinnern sich noch an DDR-Begriffe wie „Bückware“, „Delikat“- oder „Exquisitläden“, an „Intershop“ oder „Genex“? Dabei war das Angebot in Sonderverkaufsstellen des ZK, in den Ministerien, in SED-Bezirksleitungen oder Stasi-Bezirksverwaltungen für die dort Beschäftigten nur spärlich im Vergleich zu dem, was heute bei Aldi, Penny oder Netto, bei Hornbach, Obi  oder Hellweg für jedermann zur Verfügung steht. Der Genosse G. hatte sein SED-Parteiabzeichen von der Jacke abgenommen und schaute sich in der Staatsbank der DDR am Posthof ängstlich um, als er den Zwanziger von seinen Verwandten aus Frankfurt am Main, den die Stasi im geöffneten Brief gelassen hatte, in einen Forum-Scheck eintauschte, um damit im Intershop ohne Personalausweis der BRD einzukaufen.

Bedrückend waren die eingeengte persönliche Freiheit und die umfassende Bevormundung durch den Staat. Zorn kam auf über das Eingesperrtsein hinter Mauer und Stacheldraht, mit Schießbefehl und Todesopfern. „Antifaschistischer Schutzwall“ hatte das der Baron aus Westberlin (Karl-Eduard von Schnitzler) genannt, der uns im DDR-Fernsehen immer nach dem Montagsfilm mit seinem „Schwarzen Kanal“ die Welt von den Füßen auf den Kopf stellte und damit in der Bevölkerung viel zur Ablehnung des SED-Regimes beigetragen hat. Die Arbeiter im Betrieb oder auf der Baustelle nannten ihn „Sudel-Ede“. Stefan Heym schrieb 1989 im „Stern“ in seiner sehr lesenswerten „Deutsch-deutschen Geschichtsstunde“ über den DDR-Staat: „Nur frage ich mich, woher der Frust so vieler seiner Bürger… und warum die Räuber die Mauer, welche das Land umschließt, so zahlreich umschleichen; denn sie umschleichen sie ja auf der Innenseite“. Fast Dreiviertel der vierzig Jahre Existenz der DDR musste die SED-Führung die Menschen im Land einsperren, um nicht auszubluten. Und es waren überwiegend die schöpferischen, die kreativen, die qualifizierten Bürger, die mehr aus ihren Leben machen wollten, als es in der DDR möglich war. So haben 2,7 Millionen Menschen  in 45 Jahren mit den Füßen abgestimmt und das Land verlassen. Welcher im Westen Arbeitslose kam in die DDR, um hier in Lohn und Brot zu kommen?  Mein Kollege Gunter W. schrieb 1985 in einem ersten Brief aus München, er habe als Ingenieur bei Robotron 1.100 DDR-Mark verdient (das waren gut 200 Mark mehr als das monatliche Durchschnittseinkommen gegen Ende der DDR). Nun lasse er sich bei Siemens für 2.900 DM ausbeuten, und es gefalle ihm recht gut. Er habe sich gerade einen Jahreswagen gekauft, ohne zehn Jahre auf eine Autobestellung zu warten.

Nicht jeder hatte das Glück, von Verwandten oder Freunden gelegentlich ein Paket aus dem Westen zu erhalten, wenn die Grenze des geteilten Landes mitten durch die Familie ging - mit Vorteilen und Widrigkeiten. Zu den Widrigkeiten zählte, dass alle Brief- oder Paketkontakte  in der Kaderleitung des Bertriebes gemeldet werden sollten und in der Kaderakte des Beschäftigten möglichst alle persönlichen Daten der Absender im Westen erfasst wurden - eine Fundgrube für die Stasi. Der Volksmund parodierte die offizielle Abgrenzungspolitik der DDR so: "Westbeziehungen sind schädlich. Am meisten für den, der keine hat."  Aber in Wirklichkeit sah die DDR-Führung die Sache mit den Westpaketen nicht so einseitig. Klaus Behling und Jan Eik schreiben dazu: "Westpakete sollten stets eine Hilfe sein, und das waren sie auch. Sie milderten den Mangel in der DDR. Dort gehörten sie schon lange als geheimer Posten zur Planwirtschaft. So beschäftigte sich zum Beispiel das Politbüro der SED am 28. Juni 1977 mit einer Vorlage zur Produktion und Versorgung mit Kaffee- und Kakaoerzeugnissen, denn die mussten für harte Devisen im Westen gekauft werden. Die Genossen konnten sich auf die Pakete verlassen. Nicht nur über 10.000 Tonnen Kaffee kamen im Ameisentransport pro Jahr über die Grenze, bei manchen Sachen konnte man sich den eigenen Import fast sparen. So kaufte die DDR 1988 insgesamt 1.206 Tonnen Kakao ein, weitere 2.383,8 Tonnen gelangten über Westpakete ins Land. Außerdem kamen in jenem Jahr 9.120 Tonnen Schokolade, 17,13 Millionen Stück Damen-Oberbekleidung, 13,46 Millionen Strumpfhosen, 15,03 Millionen Obertrikotagen und 3,33 Millionen Oberhemden." (2)  Die "stolze" DDR  hing mehr am Tropf des Westens, als es vielen  bewusst war.

Schwierig und oft peinlich dagegen war es für die Verwandten im Osten, wenn sie sich  ein wenig revanchieren wollten mit Dingen, an denen man auch im Westen interessiert gewesen wäre. Wegen des chronischen Mangels und der Subventionen in der DDR war die Liste der für die Ausfuhr verbotenen Waren endlos lang. Am Ende blieben da nur kunstgewerbliche Gegenstände, nicht selten  als Tinnef empfunden, klassische Musik auf Schallplatten oder ausgewählte Bücher ohne sozialistischen Ballast übrig. Antiquitäten standen auch auf der Verbotsliste. Die wurden, wie von uns Omas Standuhr, ausschließlich durch Alexander Schalck-Golodkowski mit seiner "Kunst und Antiquitäten GmbH" im Auftrag der Stasi gegen Devisen für die DDR in den Westen verscherbelt. Ärgerlich für alle war auch der Zwangsumtausch für Besucher aus dem Westen. Die Verwandten im Osten boten Unterkunft und schafften alles Erreichbare zur Beköstigung  ihrer Gäste heran - und die DDR kassierte die Besucher ab in harter Währung  im Tausch gegen Mark der DDR. Weil die Besucher oft nicht wussten, was sie mit dem DDR-Geld anfangen sollten, beglichen sie nicht selten auch noch die Rechnung im Restaurant. Und was nahm man mit als Geburtstagsgeschenk, als nach 24 Jahren erstmals eine 10-Tagereise in "dringender Familienangelegenheit" möglich war: Bei uns war es eine  exquisite Sammeltasse für 120 Mark/DDR. Im Westkatalog war sie zum Preis von unter 10 DM zu finden. Im unmittelbaren Kontakt mit dem Westen war es damals oft peinlich und bedrückend, ein DDR-Bürger zu sein. Leider ist das heute zu oft in Vergessenheit geraten oder einer Verklärung der Vergangenheit anheim gefallen. 

 

Anmerkungen:

(1) Deutschlandfunk am 5.12.2016

(2) Klaus Behling und Jan Eik: "111 Fragen an die DDR"  Edition Berolina, Berlin 2013.
      Seite 192 ff.