von Klaus Behling in

"Licht ins Dunkel" 
Zwanzig schicksalhafte Geheimdienstaktionen aus Ost und West
Berlin Story Verlag 2014
Seite 138 ff.

Dies ist meine Geschichte der versuchten Anwerbung der Staatssicherheit der DDR als IMV, als inoffiziellen Mitarbeiter  mit Feindberührung, erstmals beschrieben auf www.bstu.bund.de  unter "NEIN-Sager", auch mit einigen Dokumenten aus der Akte zur Anwerbeung. Es ist eine Geschichte wie viele andere auch, die erfolglos verlaufen sind, weil die oder der Angesprochene NEIN gesagt hat. Aber  bis zu einer Millionen Menschen in der DDR und einige Tausend außerhalb der DDR sollen nach vorsichtiger Schätzung  zumindest zeitweilig als Informanten für die Stasi tätig gewesen sein. Viele dieser Geschichten sind inzwischen verdrängt oder  verblasst, ihre Details in Vergessenheit geraten. Weil es meine eigene Geschichte ist, darf davon berichtet werden, wie man damals  auch als unbescholtener Bürger der DDR völlig überraschend in belastende Konfliktsituationen geraten konnte. Auch um 25 Jahre  nach dem Mauerfall für Nachgeborene nachlesbar zu erhalten, wie es damals in der DDR auch war. Dafür danke ich dem Autor Klaus Behling von Herzen.

Karlheinz Reimann,
am 3. Oktober 2014, dem Tag der deutschen Einheit

 

 

Die Goldene Hochzeit ist längst mit einer Kreuzfahrt von Rio bis Venedig gefeiert, das Haus ist bestellt, die beiden Söhne stehen schon seit langem auf eigenen Beinen. Und mit der Rente lässt es sich leben. Doch trotzdem gibt es etwas, das Karlheinz Reimann immer mal wieder in seiner inneren Ruhe stört. Das hängt mit einem Satz zusammen, den Stasi-Offizier Bernd Walther in einen „Beschluß" über das Anlegen einer IM-Vorlaufakte" vom 11. Juli 1974 mit der Registriernummer XIV/997/74 fast zwei Jahre nach diesem Tag unter der Rubrik „Gründe für die Einstellung" festhalten musste.

Von all dem erfuhr der Ingenieur aus Kleinolbersdorf bei Chemnitz erst rund 20 Jahre später, als Stasi-Unterleutnant Bernd Walther längst ein arbeitsloser Stasi-Oberstleutnant geworden war. Damals, 1974, dauerte es noch über ein Jahr, bis der direkte Angriff gegen ihn anlief. In dessen Ergebnis stand dann der Satz, der ihn nie wieder ganz los ließ: „Der Kandidat lehnte eine Zusammenarbeit mit dem MfS ab, weil er angeblich in innere Konflikte gerät, wenn er das MfS über ihm nahestehende Personen informiert."

Karlheinz Reimann, damals 35 Jahre alt, war also nicht zum „inoffiziellen Mitarbeiter mit Feindberührung" geworden. Die Stasi musste den von ihr gewünschten Spitzel mit dem bereits von ihr ausgewählten vorläufigen Decknamen „Klein" vergessen. Dem war das umfangreiche Ausspionieren des Mannes, seiner Familie und seines Umfeldes voraus gegangen und es gab streng geheime Ermittlungen gegen ihn, um heraus zu finden, ob er vielleicht erpressbar sei. Mit Fug und Recht könnte er diesen Satz deshalb heute wie eine Fahne vor sich her flattern lassen. Er würde ihm zu nichts anderem, als zur Ehre gereichen und doch geht ihm hin und wieder gerade dieser Satz nicht aus dem Kopf.

Dass es einmal so käme, war in jenen Jahren nicht zu ahnen. Niemand sollte je erfahren, dass diese 25 Worte, mit denen sich Karlheinz Reimann trotz Angst und Bedenken seine persönliche Freiheit erhalten wollte, sein Leben beeinflusst und belastet haben. Dafür hatte die Stasi gesorgt. Am 16. Oktober 1975 verpflichtete Stasi-Offizier Walther den „Kandidaten" per Unterschrift, „gegenüber jedermann, selbst meinen nächsten Angehörigen, strengstes Stillschweigen" über alle stattgefundenen und künftigen Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu wahren." Er musste zur Kenntnis nehmen, dass er ansonsten „die Arbeit des MfS gefährde" und akzeptierte gezwungenermaßen, in diesem Fall „strafrechtlich nach § 245 StGB zur Verantwortung gezogen" zu werden.

Der Paragraph 245 im Strafgesetzbuch der DDR vom 12. Januar 1968 in der durch Gesetz von 1974 geänderten Fassung betraf den „Geheimnisverrat". Der hier relevante Absatz 3 des § 245 drohte eine Freiheitsstrafe „bis zu acht Jahren" an, Absatz 4 sagte: „Der Versuch ist strafbar." Eine bedrückende Aussicht für einen Menschen, der sich nicht nur nichts hat zu Schulden kommen lassen, sondern das auch niemals plante. Eine Institution der DDR-Regierung hatte mit ihm gesprochen, das allein war Grund genug, den Verlust eines Teils seines Lebens in Aussicht zu stellen. Ein merkwürdiger Umgang eines Staates mit seinen Bürgern.

Seit diesem 16. Oktober 1975 war Karlheinz Reimann in der DDR also nicht nur eingesperrt, sondern auch noch gefesselt. „Wir mussten damit rechnen, bis zum Ende unseres Lebens DDR-Bürger zu sein und hatten uns darauf eingestellt." Die Verhältnisse hatten ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel gezwungen, gegen den Strom zu schwimmen. Er musste damit klar kommen. Allein. Einsam. Hilflos.

Dabei hatte der Mann eigentlich Glück. 1939 in Chemnitz geboren, überlebte er als Kind die verheerenden Bombenangriffe am 14. Februar und am 5. März 1945 auf das „sächsische Manchester" bereits in Kleinolbersdorf. 720 anglo-amerikanische Bomber legten die Industriestadt in Schutt und Asche. Das alte „Ruß-Chamtz" am Nordrand des Erzgebirges existierte nicht mehr, ein Drittel der Stadt war zerstört.

Für Karlheinz Reimann war das Ende der Anfang. Am 1. Oktober 1945 kam er in seinem Heimatdorf in die damals sechsstufige Grundschule, die bis vor kurzem noch als Lebensmittellager der untergegangenen Wehrmacht genutzt worden war. Danach besuchte der begabte und technisch interessierte Junge die Karl-Marx-Oberschule in Karl-Marx-Stadt, Karl-Marx-Platz 4 – mehr Karl Marx ging nicht – und legte 1957 dort sein Abitur ab. Ungeachtet dessen, dass der in Trier geborene und in London gestorbene Karl Marx in Chemnitz nie eine Fußspur hinterließ, war der traditionsreiche, slawische Name Chemnitz 1953 getilgt worden. Auch weil Dresden eine Namensänderung abgelehnt hatte und Leipzig als spätere „Walter-Ulbricht-Stadt" in petto bleiben sollte.

Dass es danach mit dem Studium an der Technischen Universität in Dresden wegen der „Zwei" in Mathematik nicht klappte, sah er ein, aber die Ausbildung an der Hochschule für Verkehrswesen in der Elbe-Stadt war ja auch nicht schlecht. Dort hatte jeder Student in spe zunächst ein ganzjähriges Praktikum bei der „Deutschen Reichsbahn" zu absolvieren. Am Schraubstock stehend, wurde der junge Karlheinz vom Praktikantenbetreuer in ein Werbegespräch verwickelt, ob er nicht zunächst „freiwilligen Ehrendienst" in der NVA leisten wolle. Mit Engelszungen „vertagte" er dieses Ansinnen auf die Zeit nach dem Studium und glaubte, das Problem sei gelöst. Doch zwei Wochen vor Studienbeginn flatterte ein Brief ins Haus, in dem es hieß: Die Zulassungskommission der Hochschule habe beschlossen, ihn „zur charakterlichen und weltanschaulichen Weiterentwicklung ein weiteres Jahr in der Praxis zu belassen".

Das wollte der junge Mann nicht hinnehmen. Er hatte bei der Bahn von einem Dutzend Dienststellen beste Zeugnisse erhalten. Nur das Gespräch am Schraubstock konnte das Haar in der Suppe sein. Karlheinz Reimann ging Lenins „Was tun?" nicht aus dem Kopf. Jetzt war er es, der etwas tun musste und so packte er in aller Heimlichkeit ein Rucksäckchen und sah sich den Stadtplan von Berlin an. Die Grenze war noch offen. Doch vorher wollte er noch in der Hochschule herausfinden, was er eigentlich falsch gemacht habe. Karlheinz Reimann erzählte Inge Thiele, einer sehr achtenswerten und verständnisvollen Frau, die das KZ Buchenwald überlebt hatte und nun im Prorektorat für Studienangelegenheiten ein gewichtiges Wort sprach, von seinen Sorgen. Auch von seiner Ungeduld, ein weiteres Jahr zu warten. Wenig später kam der positive Bescheid per Eilbrief.

Mit einem Diplom für Hochfrequenztechnik schloss Karlheinz Reimann 1963 die Hochschule ab und fand eine Arbeit als Entwicklungsingenieur für Datenverarbeitung in der Firma „Elektronische Rechenmaschinen" im heimischen Karl-Marx-Stadt. Diese ELREMA entwickelte die erste funktionstüchtige elektronische Datenverarbeitungsanlage der DDR und wurde fünf Jahre später als wissenschaftlicher Industriebetrieb zur Keimzelle für das DDR-Elektronikkombinat „Robotron".

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein", hatte Chemnitz´ neuer Namenspatron, Karl Marx, verkündet, und auf Karlheinz Reimann traf genau das auch zu. Sein Leben begann, eine ruhige Bahn zu ziehen. Er war jung verheiratet, verdiente eigenes Geld, hatte eine interessante Arbeit und sein Hobby als Amateurfunker füllte ihn aus.

Robotron entwickelte seit 1970 gemeinsam mit sowjetischen Spezialisten den Telefonvermittlungsrechner NEWA für „die Freunde". Das war nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern für die DDR auch ein gutes Geschäft. 1,7 Millionen Rubel brachte eine solche Anlage. Damit konnte dringend benötigtes Erdöl bezahlt werden. Die Sowjets waren auf ihre ostdeutschen Partner angewiesen, denn deren technologische Produktionsbasis hatten sie nicht. Andererseits waren die Russen ausgezeichnete Kybernetiker und entwarfen ein Konzept, das eine extrem hohe Zuverlässigkeit gewährleistete: Maximal zwei Stunden Ausfall innerhalb von 20 Jahren! Das gab es zu dieser Zeit weder bei Siemens noch bei Alcatel. Außerdem verfügte der Rechner über 16 Prioritätsebenen: Wenn Breschnew oder ein hoher Parteifunktionär telefonieren wollte, war ein Besetztzeichen ausgeschlossen. Die 32 größten Städte der Sowjetunion wurden damit ausgestattet. Dann bestellte das Militär weitere 32 Anlagen. Karlheinz Reimann erinnert sich: „Natürlich war mir klar, dass die Stasi in solch einen strategisch wichtigen Bereich ihre Finger steckte. Aber ich wollte einfach nur meine Arbeit machen und hatte keine Ambitionen, beruflich aufzusteigen. Was sollte mir also passieren?"

Er ist stolz auf das, was er kann. Auch in Moskau wird der Ingenieur als Fachmann geschätzt. Er spricht russisch und als die sowjetischen Partner mehr fordern als fragen, ob denn „Towarisch Karl-Geinz" auch beim nächsten Treffen wieder dabei sei, traut sich niemand, ihn aus der Delegation auszuschließen. Doch der „Genosse" war das Problem: Der Ingenieur hatte sich mit der Begründung „noch nicht so richtig reif dafür" zu sein, bislang erfolgreich vor der Mitgliedschaft in der SED gedrückt. Die wahren Gründe lagen woanders. Die Verwandtschaft lebte im Westen, er und seine Frau wollten auf diese Kontakte nicht verzichten. „Die Grenze ging mitten durch unsere Familie", sagt er heute. Und er wollte hin und wieder auch mal Recht haben und verabscheute das alberne „die Partei, die Partei, die hat immer Recht".

Karlheinz Reimann schwamm im Strom eines ganz normalen DDR-Lebens: „Ich war beruflich zufrieden, auch ohne die Chance, jemals Abteilungsleiter zu werden." Über die immer mal wiederholten Aufforderungen – „es gab sechs oder acht Anläufe" – sich doch endlich in die „Vorhut der Arbeiterklasse" einzureihen, sprach er mit seiner Frau. Die beiden zogen eine nüchterne Bilanz: „Uns reichte, was wir zum Leben hatten. Wir mussten uns nicht verbiegen und wir wollten es auch nicht." Die Einigkeit machte sie stark und wenn die Enge mal zu drückend wurde, blieb ja immer noch der Ritt auf den Ätherwellen in die weite Welt hinaus.

So ging das Leben seinen Gang, bis eines Tages im Oktober 1975 ein fremder Mann an der Haustür in Kleinolbersdorf klingelte. Er sei von der „Arbeiter- und Bauern-Inspektion" und habe ein paar Fragen, sagte er. Erst im Wohnzimmer zog er seinen Klappausweis am Lederbändchen und wies sich als Stasi-Mitarbeiter aus. „Das war ein Schock für mich", erinnert sich Karlheinz Reimann, „ich hatte ja nichts falsch gemacht." Der Mann machte es kurz: Er wolle sich mit dem Ingenieur treffen, hier könne man nicht offen reden. Also in einer Woche am Klapperbrunnen am Busbahnhof in Karl-Marx-Stadt.

Für Karlheinz Reimann wurde es die schlimmste Woche seines Lebens. „Man wollte ja nicht alles aufs Spiel setzen", sagt er. Doch was tun, wie sich verhalten? Sollte er mit seiner Frau sprechen? Nein, die würde sich nur aufregen. Es war keine Frage von Vertrauen oder Misstrauen: „Ich musste sie doch schützen!" Und natürlich die Kinder. Reimann: „Da geht einem vieles im Kopf herum. Was wird mit der Ausbildung der Söhne, wie geht es im Beruf weiter, wenn ich ´nein´ sage". Das Grübeln krallte in seinen Magen, die gesundheitliche Schwachstelle.

Dann gewann der kühle Kopf des Technikers die Oberhand. Hingehen musste er, das war klar. Karlheinz Reimann: „Das Schlimmste war die Erkenntnis, dem System machtlos ausgeliefert zu sein." Aber er musste konsequent bleiben, auch das war klar: „Mein Widerspruch lag darin, nicht zuzustimmen und trotzdem möglichst keinen Schaden zu nehmen." Er rettete sich in Hoffnungen. Vielleicht würde alles gar nicht so schlimm. Schließlich gab es gerade mit den Sowjets ein paar Probleme. Er hatte es übernehmen müssen, deren Delegation nach Karl-Marx-Stadt vorerst wieder auszuladen. Ein bisschen Rückendeckung bei der Stasi könnte eventuell nicht schaden. Karlheinz Reimann biss sich an diesem Gedanken fest: „Ich war naiv. Ich dachte tatsächlich, die wollen etwas über die Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion wissen."

So ging er am 16. Oktober 1975 mit weichen Knien zum Klapperbrunnen am Busbahnhof, mit dem Bildhauer Johann Belz 1968 die dortige Parkanlage verziert hatte. Karlheinz Reimann erlebte ein geheimdienstliches Schmierenstück. Am Brunnen erwartete ihn Stasi-Mann Walther, doch „erkennen" durfte er ihn nicht. Im konspirativen Gänsemarsch ging es in die Wohnung Karl-Liebknecht-Straße 37. Dass sie bei der Stasi insgeheim „Wenzel" hieß, durfte er damals nicht erfahren. An einer Tür im Erdgeschoss stand auf einem Pappschild „Nobis", doch die Altbau-Wohnung hinter dem dicken Filzvorhang an der Eingangstür war ohne Bewohner. Nur Bernd Walther bewegte sich dort wie der Hausherr und servierte erst einmal einen Kaffee und später einen Schnaps. In der schlichten DDR-Konsumwelt unterschied man zwischen „Braunem" und „Weißem". Bei „Wenzels" gab´s „Braunen", das gehörte zum Geschäft. In einem späteren Bericht stand: „Im weiteren Verlauf der Aussprache über den Freizeitbereich des Kand. (Funksport, Auto) bei einem Glas Kognak ´taute´der Kand. auf." Es sollte ja alles „freundschaftlich" wirken.

Doch Karlheinz Reimann berichtete nur über Probleme im Betrieb, ließ sich aber nichts über die Kollegen entlocken. Resigniert musste Unterleutnant Walther notieren: „Er wich den Einschätzungen zu Personen ... speziell in politischer Hinsicht aus. Die Ursache dafür wurde vom Unterzeichner so eingeschätzt, dass sie nicht in der Unfähigkeit des Kand. liegen bzw. hier die Grenzen des Kand. liegen, sondern das liegt an der eigenen politischen Grundposition des Kand., so wie es im Ermittlungsergebnis aufgezeigt wurde." Liegen, liegen liegen, „der Kand." legte sich offenbar quer und der verquaste Satz muss wohl ein hartes Stück Arbeit für den Genossen an der unsichtbaren Front gewesen sein. Doch das gute Miene zum bösen Spiel machen beherrschte er offenbar besser als seine Muttersprache. Karlheinz Reimann erinnert sich: „Eigentlich war Herr Walther nicht bösartig und hat mich ganz gut behandelt."

Das war ein Irrtum, denn der gleiche Bericht stammelt weiter: „D. h. eine Werbung durch polit. ideologische Überzeugung ist hier nicht möglich somit ist durch inoffizielle Mittel eine Situation zu schaffen, in welcher dem Kand. die Notwendigkeit der Zusammenarbeit unumgänglich dokumentiert wird, bzw. ist ein Druck-Material zu schaffen." Die Stasi wollte also Karlheinz Reimann nicht so einfach aus den Fängen lassen. Der Grund: „Der hierzu erforderliche Aufwand scheint als gerechtfertigt, da der Kand. für eine Zusammenarbeit geeignet ist und außerdem beim Sicherungsgegenstand noch keine inoffizielle Basis vorliegt." Gemeint war damit, dass der Spitzel-Plan bei Robotron zu dem Zeitpunkt noch nicht erfüllt war.

Doch obwohl auch das Locken mit Stasi-Hilfe bei der weiteren beruflichen Karriere nicht ausblieb, erwies sich „der Kand." Karlheinz Reimann auch beim zweiten Gespräch am 11. November 1975 als renitent. Und das, obwohl Unterleutnant Walther den Druck erhöhte und seinen Chef, Hauptmann Mädler, mitgebracht hatte. Dieses Mal war Karlheinz Reimann jedoch besser gerüstet: „Nach drei Stunden in der Mangel fasste ich mir ein Herz mit folgender Position: Wenn es zur Stärkung der Wirtschaft der DDR erforderlich sei, technisches Wissen bei der Konkurrenz im Westen auszuspähen, sei ich dazu bereit. Das machen die Japaner bei Freund und Feind überall in der Welt. Wenn ich aber eine Meldung oder einen Bericht über einen meiner Kollegen abgeben sollte, weil er einen politischen Witz erzählt oder sich zu einem politischen Ereignis kritisch geäußert habe, dann sei das mit mir nicht zu machen. Ich habe ein ehrliches Verhältnis zu meinen Kollegen und so solle es auch künftig bleiben. Punkt."

Hauptmann Mädler konnte seinen Ärger darüber nur schwer unterdrücken. Schließlich wollte man einen Spitzel werben, keinen „Kundschafter" gewinnen! Unterleutnant Walther beklagte nur die viele Arbeit, die sich „das Organ" bereits gemacht habe, „zeigte sich aber ansonsten versöhnlicher", so Reimann. Das gehörte zur Fassade beim Menschenfang. Hinter den Kulissen wühlte die Stasi nämlich weiter gegen den ungehorsamen „Kandidaten". Zunächst wurden erst einmal die Spitzel im Umfeld aktiviert, um doch noch schwarze Flecken auf Reimanns weißer Weste zu finden. Das Funktagebuch seiner Station „DM 2 BVN" wurde konspirativ kontrolliert und es gab auch mal einen vergessenen Schreibtischschlüssel an einer Schublade mit vertraulichen Dokumenten, doch das alles reichte nicht, um den Ingenieur zu erpressen.

Also entstand am 11. März 1976 ein „Maßnahmeplan" zum weiteren Vorgehen. Nun sollte ein uralter Geheimdiensttrick helfen: Zwei Männer würden aufeinander gehetzt, in der Hoffnung, dass sich einer von ihnen beim Bier in der Kneipe verquatscht. Als Tatort wurde die Gaststätte „Industriezentrum" vorgesehen. Karlheinz Reimann würde zuvor als „Ansprechlegende" – Klartext: ein erlogener, angeblich „bewiesener" Zusammenhang – offeriert, „dass Forschungsergebnisse zu feindlichen Dienststellen abfließen" und ein Verdächtiger beschrieben. Dieser war in Wirklichkeit der Stasi-Spitzel „Schröder", der „den ´Klein´ in ein Fachgespräch verwickeln" sollte, indem er vorgab, selbst Interesse an einem Job bei Robotron zu haben. Alles war perfekt geplant: „Um dem ´Klein´ einen Anlass dafür zu geben, seinen Informationsbedarf zur Tätigkeit des ´Schröder´ einzubringen, muss der ´Schröder´ vorher seinen Informationsbedarf zu Entwicklungen bei Robotron erbringen, der wie folgt lautet ..." Es folgten die genau bedachten Tipps. Wäre das Opfer auf solch ein Gespräch eingegangen, hätte es „Vertrauliches" mitteilen müssen.

Auch an die äußeren Umstände des „zufälligen" Treffens dachte Unterleutnant Walther. „Schröder" musste an einem „2-Mann-Tisch" sitzen und in der Gaststätte sollte wenig Betrieb sein, damit er „einen Platz freihalten kann." Auch Karlheinz Reimann würde exakt instruiert werden: „Dabei beginnt der Kand. das Gespräch damit, dass er heute erst einmal ein Bier trinken muss, das Klima im Großraumbüro würde ihm zu schaffen machen und die Kehle austrocknen." Doch der schöne Plan ging nicht auf, denn Walthers Chef fand ihn „vom Grundgedanken her richtig", fürchtete aber „Gefahr der Dekonspiration." Und „Schröder", ein Technischer Leiter des VEB Gerätewerkes Karl-Marx-Stadt, wurde noch gebraucht.

Das machte es nun für den Unterleutnant eng, denn schließlich lag der Kampfkurs zum bevorstehen IX. Parteitag an. Und ein erfahrener Genosse müsste doch wohl in der Lage sein, einen bockigen Robotron-Ingenieur zu „überzeugen", der nicht einmal „Genosse" war! Bernd Walther war im Druck. Deshalb erfand er 14 Tage später einen Bericht über ein drittes Treffen mit Karlheinz Reimann in der konspirativen Wohnung „Wenzel", das in Wahrheit nie stattfand. Laut Bericht vom 24. März 1976 erklärte er seinem Opfer ausführlich die Spionage-Räuberpistole. Doch „der Kand. sah alles ein, bat aber trotzdem um Bedenkzeit." Dann öffnete sich der Stasi-Offizier clever ein Hintertürchen, indem er behauptete, Karlheinz Reimann hätte sich nach einer Arbeitsmöglichkeit im Stasi-Sendezentrum erkundigt: „Es entstand der Eindruck, als wolle der Kand. nur herausfinden, um was für eine Einrichtung mit welcher Aufgabe es sich bei diesem Objekt handelt."

Der Ingenieur also als Sicherheitsrisiko, das wäre ein plausibler Grund, auf „den Kand." als inoffiziellen Mitarbeiter zu verzichten. Und prompt türkte Bernd Walther am 31. März 1976 eine weitere „Aktennotiz" und schrieb: „Er lehnte eine Zusammenarbeit ab, da er nicht in persönliche Konflikte geraten will, wenn er über ihm nahestehende Personen berichten müsste."

Karlheinz Reimann ist gegen den Strom geschwommen und nicht darin ertrunken. Er hielt die Familie aus der Sache heraus und beruflich ging alles weiter seinen Gang. „Trotzdem hat mich die Angst nie wieder ganz losgelassen", sagt er. Er macht keine großen Worte von „sich treu bleiben" oder gar Heldentum. Seine Lebenserfahrung in der DDR kulminiert in einem einzigen Satz: „Es gibt einen Schwellwert zwischen dem Entgegenkommen gegenüber dem Staat und dem privaten Leben."

Dass seit Beginn der 70er Jahre fast ein ganzes Dutzend Spitzel um ihn herum über ihn berichteten und auch nach seiner Ablehnung aktiv „arbeiteten", merkte er kaum: „Nur einmal schlich „Hans-Jürgen" ums Haus, um sich alles von außen anzusehen." Und auch, dass die Stasi am 3. Mai 1977 eine erneute „IM-Vorlaufakte" anlegte, blieb ihm verborgen. Karlheinz Reimann hielt sich an seine Schweigeverpflichtung. Nur einmal, 5 Jahre nach der erfolglosen Anwerbung, machte er eine Bemerkung im engsten Kollegenkreis. Wie aus einem Munde sagen die beiden anderen erstaunt: „Was, du auch?" Dass einer von ihnen als emsiger „IM Schulze" alles brühwarm der Stasi berichtete, ahnte Reimann nicht. Doch auch dieser „Verrat" blieb ohne Folgen.

Die beiden Jungen wurden im Laufe der Jahre groß und sein Berufsleben ging langsam in die letzte Runde. „Wir wollten uns nicht zum Märtyrer machen", erinnert sich Karlheinz Reimann. Es ist das bedrückende Fazit eines DDR-Lebens, das nur dann ohne Probleme vor sich hin holperte, wenn man sich anpasste. Als das dann 1989 plötzlich nicht mehr als unumgängliches Schicksal schien, hatte er eigentlich mit 50 ein Alter erreicht, in dem sich niemand mehr ein Bein ausreißen musste.

Doch bei dem Ingenieur lief es anders. Er hatte gespürt, wie es ist, gezwungen zu werden, gegen den Strom zu schwimmen. Jetzt wollte er es. „Freiheit" war in der DDR ein diffuses Gefühl. Nun wurde es für ihn konkret und Karlheinz Reimann spürte auf einmal, weshalb er sich 50 Jahre lang unfrei fühlte: „Ohne die Stasi wäre ich politisch nicht so weit gekommen."
Er malte seine Wünsche nach Veränderung auf Transparente und organisierte Bürgerversammlungen in Kleinolbersdorf. „Ich wollte die Protestbewegung aus der Stadt herausholen, hier zu uns auf das Land." Das Engagement im „Neuen Forum" war damals der geeignete Weg dazu. Beim zweiten Zusammentreffen in der Kirche des Dorfes platzte die Nachricht vom Mauerfall in die Runde.

Karlheinz Reimann wollte aktiv dabei sein, als nun alles anders wurde. Endlich konnte er mit seiner Frau über die Last der vergangenen Jahre sprechen. Sie war dankbar, dass er sich schützend vor die Familie gestellt hatte und bestätigte ihm im Nachhinein, das Richtige getan zu haben. Nach der Wahl 1990 übernahm er den Posten des Gemeinderatsvorsitzenden in Kleinolbersdorf-Altenhain. Auch beruflich ging es nahtlos weiter. Ab 1. Juli 1990 wurde er von der Deutschen Post angestellt, es folgten die Telekom und Ende der 90er Jahre dann der Vorruhestand.

Endlich schwamm er nicht mehr gegen den Strom. Doch der Eindruck trog. Bereits 1993 waren Gerüchte im Ort aufgetaucht, der neue Mann an der Spitze sei insgeheim bei der Stasi gewesen! Die simple Begründung: „Wer zu DDR-Zeiten eine Funkstation zu Hause hatte, durfte das nur, wenn er dort angebunden gewesen sei." Das erschien vielen glaubhaft und die Verleumdung zog ihre Bahn. Im Dorf wurde getratscht und als „Gartenstadt-Nord" als neue Siedlung gebaut werden sollte, zerfiel die einstige Gemeinschaft in Neinsager und Befürworter. Die einen stänkerten gegen die anderen und verantwortlich war natürlich der, der jetzt die Fäden zog. Und das war Karlheinz Reimann als Gemeinderatsvorsitzender.

Deshalb musste er ein drittes Mal gegen den Strom schwimmen. Wieder gegen seinen Willen. In den Wirren des Neuanfangs nach dem Ende der DDR stand das Recht auf dem Kopf. Es galt nicht „im Zweifel für den Angeklagten", dem seine Schuld zu beweisen war, sondern der Verdächtige musste seine Unschuld belegen. Dabei half ihm unbeabsichtigt der IMB "Hans Stiehler", Stasi-Registrienummer XIV 832/86, mit seiner Verleumdung, denn bereits nach zwei Wochen erhielt Karlheinz Reimann im Frühjahr 1994 Einsicht in seine Stasi-Akte. Nun konnte er Kopien davon den staunenden Gemeinderäten auf den Tisch legen: „Der Kandidat lehnte eine Zusammenarbeit mit dem MfS ab ..." Schwarz auf Weiß, eindeutig und unmissverständlich. Ein besseres Zeugnis hätte Unterleutnant Walther dem jetzt beschuldigten Gemeinderatsvorsitzenden nicht ausschreiben können. Doch das Staunen ging fast nahtlos in Schweigen über und die Sitzung zum nächsten Tagesordnungspunkt. Der Dunst von Zweifeln blieb im Raum. Legenden, Desinformation und Zersetzung der Stasi wirkten auf die Menschen wie ein Nervengift, auch lange nachdem „das Organ" offiziell aufgelöst war.

Karlheinz Reimann fasst an diesem Tag einen Plan: Nicht jetzt, aber zur nächsten Wahl wird er seine Bereitschaft zum Dienst an der Gemeinschaft überdenken. Es ist ein bitteres Fazit „In der DDR habe ich mich eigentlich nicht als Stasi-Opfer gefühlt. Ein Opfer bin ich erst mit der nachträglichen Verleumdung geworden, für die Stasi tätig gewesen zu sein".

Karlheinz Reimann ist wieder der kühle Technik-Denker, wenn er heute sagt: „Ich weiß, dass nicht jeder so ein authentisches Zeugnis vorweisen kann. Auch manche nicht, die ebenfalls ihr Rückgrat bewahrt und auf ihre Art zum Ende der DDR beigetragen haben. Deshalb bin ich froh, dass diese Akten erhalten worden sind."

Und gerade deshalb lässt ihn die Vergangenheit bis heute nicht los. Nein, kämpfen will er nicht mehr, aber schweigen auch nicht. Er erinnert sich an Heinrich Heine, der vor 200 Jahren schrieb: „Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen." Karlheinz Reimann triff diese Halunken zuweilen beim Spazierengehen: „Der freiheitliche Rechtsstaat schützt die Täter offenbar mehr als die Opfer. Die Chancen dreister Täter, heute Karriere zu machen, sind einträglicher als im realen Sozialismus der DDR. ..."

Dennoch sucht er einen versöhnlichen Ausweg: „Vor dem Vergeben muss das Bekennen stehen. Darauf kommt es mir an."

 

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Klaus Behling