von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Mail 2014

Niemand spricht vom ehemaligen Deutschen Kaisereich, von der ehemaligen Weimarer Republik oder vom ehemaligen Dritten Reich. Von der ehemaligen DDR wird dagegen auch nach einem Vierteljahrhundert häufig gesprochen oder geschrieben, nicht selten auch von unseren Koryphäen aus Politik und Medienwelt. Das mag oft gedankenlos nachgesprochen oder ein Lapsus im Gebrauch der deutschen Sprache sein. Zuweilen aber auch bedacht abwertend: Ihr wart doch marode und pleite! Warum sagt man nicht einfach DDR? Die Historie ist schließlich hinreichend bekannt.

Besonders 1989 trauten sich  in der DDR immer mehr Menschen ein Aufbegehren für mehr Freiheit von Wort und Schrift, Reisefreiheit, mehr Demokratie und mehr Wohlstand in ihrem Land. Die ganze Welt schaute gebannt auf die Friedliche Revolution vom Herbst 1989 und den nahezu lautlosen Zusammensturz des waffenstarrenden SED-Regimes. Jetzt - nach einem Vierteljahrhundert - wird eine Zeitlang intensiver an diese Ereignisse, an die Zeit der Kerzen und Gebete erinnert, die damals zum Ende des Kalten Krieges und zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt haben. Dabei hält sich hartnäckig der Ausdruck  "ehemalige" DDR, als müsste man Berührungsängste haben, einfach und korrekt von der DDR zu sprechen, in der 16 Millionen Deutsche real 40 Jahre lang gelebt haben.

Bereits vor Jahren hat die Schriftstellerin Marion Maron in ihrem Roman „Flugasche" genervt die Frage aufgeworfen: „Ehemalige DDR, ja was soll das denn nun wieder sein?" Im freien Wörterbuch Wiktionary findet man zu dem Wort ehemalig: „Etwas, das nicht mehr existiert, nicht mehr besteht." Hier einige Beispiele, wie dieses Wort häufig auch fälschlich verwendet wird:

Sinnentstellender Sprachgebrauch
„In der ehemaligen DDR gab es auch Wahlfälschung". Die ehemalige DDR, also die nicht mehr existierende DDR - das sind heute  die fünf neugegründeten Bundesländer. In ihnen gab und gibt es aber keine Wahlfälschung. Deshalb muss es richtig heißen: „In der DDR gab es auch Wahlfälschung." Was später gerichtlich nachgewiesen und mit Urteilen belegt worden ist. So einfach und klar kann Sprache sein! Wenn jemand 1966 in Dresden das Licht der Welt erblickt hat, ist sie oder er zweifelsfrei in der DDR geboren. Auch wenn die Bearbeiterin im Einwohnermeldeamt heute auf die Eintragung „geboren in der ehemaligen DDR" besteht. Die ehemalige DDR gab es  1966 noch gar nicht. Es wird zuweilen nachgeplappert, ohne nachzudenken.

Ähnlich verwirrend und falsch ist auch die Formulierung: „Der verstorbene Papst, er war häufig auf Reisen, besuchte auch Südamerika". Zwar könnte man den Leichnam des Papstes nach Südamerika bringen, aber ein Besuch wäre das nicht. Richtig muss es heißen: „Der Papst (und man könnte zur Klarheit seinen Namen nennen), war häufig auf Reisen, und besuchte auch Südamerika." Also zu seinen Lebzeiten! Ebenso die kürzliche  Nachricht der Tagesschau: „Der verstorbene Cornelius Gurlitt hat seine Bildersammlung dem Kunstmuseum in Bern vermacht." Er hat dies getan, aber da war er noch nicht verstorben.

Abwertender Sprachgebrauch
Auch wenn der Zusammenhang nicht korrekt formuliert wurde, sind wir meist geneigt, diesen sinnvoll zu interpretieren. Man könnte deshalb einen solchen Lapsus als Haarspalterei abtun. Anders ist es, wenn zuweilen mit einer hintergründigen Wertung an der "ehemaligen DDR" festgehalten wird. Da soll auch immer wieder erinnert werden: Bei Euch  war doch alles marode! Tatsächlich war die DDR 1989 in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht gegenüber der BRD in keinem guten Zustand, das sozialistische Experiment war verbraucht. Aber die Menschen haben auch in der DDR beachtenswerte Leistungen hervorgbracht, auch wenn unter den gegebenen Bedingungen der Ertrag  für die Menschen geringer war. So sind 45 Jahre lang Reparationen an die Sowjetunion allein von der SBZ/DDR aufgebracht worden. Man denke nur an das Uranerz in Sachsen und Thüringen, das als drittgrößte Lagerstätte in der Welt galt. 

Ein besonderes Kuriosum ist die verwirrende Benennung einer Bundesbehörde: „Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik". Wie klar und verständlich wäre es gewesen, hätte man „ ... Staatssicherheitsdienst der DDR" formuliert! Da die DDR bekanntermaßen am 3. Oktober 1990 der BRD beigetreten ist, befindet sich danach  auch dieser "Staatssicherheitsdienst der ehemaligen DDR" nun  in der BRD. Ein Witzbold meint: Das muss de facto nicht gänzlich falsch sein. Schaut man sich beispielsweise auf www.isor-sozialverein.de um, kann man durchaus einen solchen Eindruck gewinnen. Aber der Historiker Jakob Scharf (1) schreibt dazu: „Das Problem sitzt tiefer, als nur in der Medienberichterstattung, was doch auf eine zumeist absichtliche Verwendung des Begriffs „ehemalige DDR" im falschen Zusammenhang schließen lässt."

Westliche Ersatzwörter für „DDR"
Zuweilen scheint es, als ob uns 25 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch ein moddriger Geruch aus der Zeit des Kalten Krieges entgegen weht, als im Westen die Bezeichnung „DDR" wegen ihrer Nichtanerkennung offiziell tabu und in der bundesdeutschen Bevölkerung für viele geradezu anstößig war, wie der Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger meint (2). Viele „Ersatzbezeichnungen" hatten sich anstelle „DDR" eingebürgert wie beispielsweise: „Sowjetzone", „Ostzone" oder „SBZ" (Sowjetische Besatzungszone), „Zone" oder schlicht „Osten". Der eloquente Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, von Franz-Josef Strauss und Helmut Schmidt auch „König Silberzunge" genannt, sprach im Bundestag mit Blick auf die DDR vom „Phänomen". Auch „Ostdeutschland" wurde häufig benutzt, weshalb Walter Ulbricht demonstrativ nicht von der BRD, sondern meist von „Westdeutschland" sprach. Weniger freundlich war „Dunkeldeutschland", nicht ohne ein wenig Arroganz, selbst auf der "helleren" Seite zu leben. Oder einfach das gutgemeinte „Drüben" beim Packen eines Paketes für Verwandte und Bekannte in der DDR.

Die DDR sprachlich und historisch korrekt beim Namen zu nennen, ist zunächst völlig ohne Wertung, also weder Sympathiebekundung noch Abwertung. Wertung entsteht durch das, was Menschen in der DDR erlebt haben. Und das war sehr unterschiedlich, je nachdem, ob jemand aus Überzeugung oder Anpassung Karriere gemacht hat, als „graue Maus" ohne Höhen und Tiefen einfach durchgekommen ist oder nach verweigerter Anpassung oder „Republikfluchtversuch" Lebenszeit in einem Gefängnis verbracht hat. Die 10.000 Frauen aus dem berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck bei Chemnitz haben da keine guten Erinnerungen an die DDR, wie auch Carmen Rohrbach ihre Haftbedingungen dort beschrieben hat. (3) Hoheneck als „dunkler Ort" der DDR war weithin bekannt. Was heute noch erschreckt, ist die große Anzahl der nach heutigem Rechtsverständnis  unbescholtenen Frauen, die als politische Häftlinge dort drangsaliert worden sind. Wolfgang Welsch, vom Andersdenkenden in sieben Jahren Stasi-Haft zum kompromisslosen Gegner des SED-Regimes und uneigennützigen Fluchthelfer mutiert, hat alle Torturen des verbrecherischen Systems der DDR erlebt: Brutale Schläge, Misshandlungen, Zwangsinjektionen mit Psychopharmaka, schwere Körperverletzungen, Isolationshaft, tagelange Folter in der Kältezelle, Scheinexekution und mehrere Mordanschläge der Stasi  mit der Operation "Skorpion" auf dem Gebiet der BRD und im Ausland. (4) Sehr viele Frauen und Männer berichten authentisch über Entwürdigung, Zwangsbehandlung und Folter in den Gefängnissen der DDR, um renitentes Verhalten von Inhaftierten zu brechen. Da stellt sich die Frage, ob die DDR ein Staat war, in dem auch Unrecht ausgeübt wurde, nicht mehr. Eher ist zu fragen, wo die Täterinnen und Täter von damals heute abgeblieben sind. Die Würde des Menschen war in der DDR nicht unantastbar! (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 1,  Absatz (1) )

Demokratie à la DDR
Die föderale Bundesrepublik Deutschland, ein sehr demokratisch konstruiertes Staatswesen mit vielfältigen Ausgleichsmechanismen gegen eine zu große Machtkonzentration an einer Stelle – ein Sachverhalt, dem der Parlamentarische Rat bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes als Lehre aus der Weimarer Republik und der Nazizeit große Beachtung geschenkt hat - hatte es nicht notwendig, den Hinweis auf die Demokratie in ihrer Benennung zu verankern. Anders die Deutsche Demokratische Republik. Doch das Wort „Demokratische" war ein Euphemismus, denn demokratisch war in der DDR, wie auch Waldemar Besson und Gotthard Jasper in „Das Leitbild der modernen Demokratie" (5) für das Grundgesetz der BRD darlegen, eigentlich gar nichts: Es hat niemals eine faire Wahl gegeben. „Zettelfalten" - wie das im Volksmund der DDR häufig genannt wurde - von mindestens 90% der Wählerinnen und Wähler ohne Benutzung einer Wahlkabine, wird in einem demokratischen Staatswesen als ungültige Stimme gewertet. Die Gewaltenteilung und vor allem die Unabhängigkeit der Legislative, Exekutive und Judikative, seit der Staatslehre von Montesquieu und der Französischen Revolution tragende Säulen der Demokratie, waren in der DDR nicht gewährleistet. Alle Gewalten und Staatsorgane waren leitend besetzt mit Kadern der SED und funktionierten als Ausführungsorgane zur Durchsetzung der „führenden Rolle" der SED. Neben der SED gab es keine von ihr unabhängigen Parteien. Die Mitbestimmung der Volksmassen sowie der Blockparteien war auf Zustimmung zur Politik der SED reduziert, wie auch die persönliche Meinungsfreiheit in Wort und Schrift. Selbst der Chemnitzer Ehrenbürger Stefan Heym, dessen jüdische Familie unter dem Naziregime so unsäglich gelitten hat, musste auch in der DDR seine Buchmanuskripte zur Veröffentlichung in die BRD schmuggeln. Alle Medien waren „gleichgeschaltet" wie seit 1933 und hatten hauptsächlich die Aufgabe, die Beschlüsse der SED-Führung in der Bevölkerung durchzusetzen. Zuweilen wurde proklamiert, die DDR verkörpere die „Diktatur des Proletariats". Aber auch das war einer von vielen Euphemismen, denn das Proletariat – die Arbeiter, Bauern und die werktätige Intelligenz - waren für die Wertschöpfung im Land zuständig, das Diktieren hatte sich die Parteiführung vorbehalten. Die Möglichkeit einer demokratischen Abwahl der SED gab es nicht. „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben", hatte Walter Ulbricht 1946 in Berlin seine Mitstreiter instruiert (6). Und so war es auch tatsächlich bis zur ersten demokratischen Wahl in der DDR am 18. März 1990, in der sich das Wahlvolk mit großer Mehrheit gegen weitere Experimente unter Führung der SED entschieden hat. Auch weil viele Menschen in der DDR dafür nicht weitere Jahre ihrer Lebenszeit einbringen wollten.

Grobe Skizze unseres einen Lebens in der DDR
Dennoch  war  die DDR 40 Jahre  lang  alltägliche  Realität  unseres Lebens,  mit Vorzügen und  Nachteilen. Wir konnten diese nicht wählen, uns im Osten ist sie als Ergebnis des Zweiten Weltkrieges zugeteilt worden. Man musste sich in der DDR einrichten, denn man hatte vorstellbar nur dieses eine Leben.

Für die Kinder in der DDR bedeutete das eine friedliche und behütete Kindheit mit  ihren kleinen Freunden Biene Maja, Pittiplatsch und Schnatterinchen oder Herrn Fuchs und Frau Elster. An "Unsere Heimat, das sind nicht nur die Wiesen und Felder..." erinnern sich manche Erwachsene heute noch gern. Aber es gab - wenn die Leiterin nicht strikt dagegen war - auch Kriegsspielzeug der Roten Armee oder  NVA im Kindergarten und man sang Lieder wie "Mein Vater trägt es am Rockaufschlag, das Zeichen der guten Genossen..." als politische Erziehung von klein auf. Ein  Kindergartenplatz  war  fast  kostenlos (1 Mark/DDR pro Tag von 6:30 Uhr bis 17:30 Uhr, mit Frühstück, Mittagessen und Vesper) und für nahezu alle Kinder von berufstätigen Frauen verfügbar. Es folgte eine fachlich niveauvolle, aber auch gesellschaftspolitisch geprägte Schulausbildung, meist mit Mitgliedschaft in Jungen Pionieren, FDJ und GST. Konfirmation oder Jugendweihe wurden häufig zu einer Zäsur für die weiteren Ausbildungschancen.  Auch der Leistungssport konnte   politisch und körperlich geeigneten Kadern eine Karriere bieten. Dabei war es  Anliegen der SED-Führung, auch hier die Überlegenheit des sozialistischen Systems  zu beweisen. Auch mit "unterstützenden Mitteln", wie euphemistisch das staatlich verordnete Doping genannt wurde, wofür mancher Sportler für Erfolg und Ruhm bis heute mit gesundheitlichen Schäden zu kämpfen hat.

Für die meisten folgte nach der Schule  eine  solide   Berufsausbildung,  danach  für Männer  mindestens 18 Monate „Ehrendienst" in der NVA (oder einem anderen bewaffneten Organ)  oder drei Jahre Wehrdienst für ein beabsichtigtes Studium. Prekär und gewissensbelastend war der Dienst an der Grenze. Schießbefehl? Immerhin, "auf Untervierzehnjährige durfte nicht geschossen werden", erinnert sich der Grenzsoldat Lutz  Rathenow (7).  Nach Überwinden der Zulassungshürden ein Studium, für Arbeiter- und Bauernkinder  meist finanziell sorgenfrei mit Stipendium. Später ein ziemlich sicherer Arbeitsplatz  um jeden Preis, denn Arbeitslosigkeit durfte es in der DDR politisch nicht geben. Nicht selten wurden beachtliche Arbeitsergebnisse in Forschung, Entwicklung und Produktion erbracht, auch trotz mancher Erschwernisse durch das Embargo des Westens. Das Sozialwesen gewährte Brille, Zahnersatz und Krankenhausbehandlung fast kostenlos, wobei der chronische Mangel an vielem auch in der medizinischen Versorgung spürbar war. Zur Unterstützung der Familie gab es Haushalttag und Babyjahr, für junge Ehepaare Kredite zum „Abkindern". Diese sozialen Wohltaten waren durch die weniger effiziente Wirtschaft der DDR auf Dauer nicht zu finanzieren und führten letztlich neben  Rüstungsausgaben und dem defizitären Wohnungsbauprogramm zur Staatsverschuldung. Sie konnten aber besonders unter Erich Honecker angesichts der ständig wachsenden Zahl von Ausreiseanträgen nicht zurückgenommen werden. Mancher trauert diesen sozialen Wohltaten  in  der DDR noch heute nach, ohne   die ökonomischen Auswirkungen  realistisch zu bedenken.


Die neu errichteten Plattenbauwohnungen waren durch nichtkostendeckende Mieten für den Staat defizitär, dies immer mehr, je mehr Wohnungen gebaut wurden.  Der Erhalt oder Bau eines Eigenheimes war mangels Material und mangels privat verfügbarer Handwerksleistungen  - die Handwerksgenossenschaften wurden durch staatliche Aufträge meist restlos ausgelastet - uneffektiv, langwierig und führte ohne verfügbare Privilegien oft an die Belastungsrenze der Familien. Altbausubstanz war vielerorts dem Verfall preisgegeben.  Nach 40 Jahren Sozialismus glichen vielerorts Altbauviertel in mitteldeutschen Städten eher einer Ruinengegend am Ende des Krieges, wie historische Bilder der Sendung "MDR-Zeitreise" zeigen. Viele Altersheime, aber auch Krankenhäuser befanden sich in einem beklagenswerten Zustand, weil es für notwendige Renovierungenr an  Material und Arbeitskräften fehlte. Vielerorts waren die Betriebe mangels Investitionen veraltet und ausgezehrt, das Land und Flüsse ökologisch belastet.  Ressorcen wurden ohne Veratwortung für künftige Generationen verbraucht.

Zum Leben in der DDR gehörten überwiegend ein viele Jahre lang "erwarteter" Trabbi, Urlaub oft an der Ostsee mit FKK - ein erkämpftes Freiheitsgefühl in der DDR - oder auch Bergwandern in der Hohen Tatra. Einmal die deutsche Zugspitze oder den Bodensee zu sehen, war der Reisefreiheit als Rentner vorbehalten. Wo irgendwie möglich, war mit den erwähnten Anstrengungen eine „Datsche" die ersehnte Freizeitnische für das absolut Private. Rente für Frauen mit 60 und Männer mit 65. Für "Geheimnisträger", und dazu wurden viele gemacht, noch 2 bis 3 Jahre Karenzzeit bis zur Reisefreiheit, um die Verwandten im Westen zu besuchen. Invaliden hatten Reisefreiheit sofort und zu jeder Zeit ... Um sich ein Stück von der Welt anschauen zu können, fehlte fast immer das "richtige" Reisegeld. Man fühlte sich trotz erbrachter Lebensleistung disqualifiziert.

Man musste in der DDR selbst tatkräftig und kreativ sein, um in der chronischen Mangelwirtschaft für private Zwecke etwas Eigenes zu gestalten oder zu erhalten. So wurde beispielsweise im Jahresurlaub in den durchgerosteten Skoda S100 in Eigenleistung ein neuer Boden eingeschweißt oder ein Altbau mit  (gestohlenem) "Kehrzement" in "Feierabendarbeit" wieder instand gesetzt. Das individuelle Leben war oft strapaziös und zeitraubend.  Östliche Biografien unterscheiden sich daher von westlichen meist erheblich, sind mangels verfügbarer Dienstleistungen durch anstrengende Eigenleistungen, mehr Improvisation und zeitaufwändige Strapazen geprägt, aber für die Menschen aus  der DDR nicht weniger wertvoll.

Ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands 1990 und "dem Zusammenwachsen dessen, was zusammen gehört" (Willy Brandt), sollte die sprachlich meist falsch verwendete und sachlich überholte Formulierung „ehemalige DDR" der Vergangenheit angehören. Auf dass Deutschland auch in diesem Sinne  eins werde!  Für die im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsenen  Menschen wird dieser Sprachgebrauch ohnehin  ungewohnt sein -  für sie ist Deutschland  längst eins geworden. 

 

Anmerkungen:

1)  Scharf, Jakob, Die Mär von der „ehemaligen DDR", in „ der Freitag", Unabhängige
      Wochenzeitung für Politik, Kultur und Literatur, das Meinungsmedium vom 4.3.2009

(2)  Gauger, Hans-Martin, Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Sprachkritik.
      Kommentar vom 15.11.2010 zum Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung" vom
      25.10.2010 über die Verleihung des Georg-Büchner-Preises

(3)  Rohrbach, Carmen „So lange ich atme", Piper Verlag München 2003, S. 218 ff.

(4)  Welsch, Wolfgang "Ich war Staatsfeind Nr.1", Piper Verlag München 2004

(5)  Besson, Waldemar und Jasper, Gotthard, „Das Leitbild der modernen Demokratie:
      Bausteine einer freiheitlichen Staatsordnung". Verlag Dietz, Bonn 1991

(6)  Leonhard, Wolfgang, in „Die Revolution entlässt ihre Kinder", Kiepenheuer & Witsch 1963

(7)  Rathenow, Lutz  in TV Sendung  "Nicht alles war schlecht"  D 2014